Auslandssemester in Finnland an der Diaconia University of Applied Sciences – Bachelor Soziale Arbeit
Lea studiert an der FHP Soziale Arbeit (B.A.). Ihr Auslandssemester hat sie an der Partnerhochschule Diaconia University of Applied Sciences in Pori verbracht. Hier berichtet sie von ihrem Auslandsaufenthalt im Wintersemester 2024/25.
Leas Auslandssemester in Finnland
Wieso wolltest du ein Auslandssemester machen?
Schon immer habe ich eine große Vorliebe fürs Reisen, und ich nutze jede Gelegenheit, um mir die Welt anzuschauen. Während meiner Berufsausbildung zur Tourismuskauffrau war ich schon einmal über Erasmus+ für vier Wochen im Praktikum in Graz, Österreich. Dies war eine tolle Erfahrung, und wir hatten viel vom Land gesehen. Damals schwor ich mir, so etwas Ähnliches auf jeden Fall noch einmal für mich zu organisieren. Es gab von meiner Ausbildungsstätte aber viele Vorgaben und auch Menschen, die behaupteten, zu wissen, was gut für mich sei. Später im Studium fühlte ich mich wesentlich selbstbestimmter und wollte das Thema Auslandsaufenthalt noch einmal angehen. Mit Rollstuhl und Assistenzbedarf bedeutete das für mich einen hohen organisatorischen Mehraufwand. Doch an dieser Stelle möchte ich als gutes Vorbild vorangehen und daran mitarbeiten, dass Auslandsaufenthalte jeder Form und in jeder Hinsicht inklusiver werden. Strukturen werden aber nur dann angepasst, wenn es einen Bedarf gibt und Menschen mit Behinderung tatsächlich Auslandsaufenthalte für sich realisieren wollen. Das bedeutet für mich, jede Chance zu nutzen und mich bis ans Ziel zu arbeiten. Ich habe schon immer eine Vorliebe dafür, meine eigenen Grenzen herauszufordern und zu verschieben. Ich brauche stets neue Vorhaben und Projekte, um ausgeglichen zu bleiben. Das möchte ich hiermit auch anderen Menschen in ähnlichen Situationen ans Herz legen.
Wie hast du dich vorbereitet?
Schon zu Beginn meines Studiums wusste ich, dass ich unbedingt ins Ausland wollte. Ich wusste aber auch, dass ich kein halbes Jahr Assistenz im Ausland organisieren konnte. Ich nahm meine eigenen Assistenzkräfte mit und organisierte mir diese nicht im Ausland. Natürlich gibt es wahrscheinlich beide Möglichkeiten. Ich wusste nicht, was unter diesen Bedingungen überhaupt möglich sein würde. Deshalb formulierte ich eine Initiativbewerbung und bat Kati Schröder darum, diese an einige ihrer Kontakte weiterzuleiten. Meine persönliche Obergrenze (vom organisatorischen Aufwand, den Assistenzkräften und der körperlichen Belastbarkeit her) waren ungefähr zwei Monate. Sicherlich war das eher ungewöhnlich, dass Austauschstudierende nicht für ein ganzes Semester blieben, und auch für die Finanzierung war das ungewöhnlich. Sechs Monate waren bei vielen Stellen und Hochschulen Voraussetzung. Doch die DIAK in Helsinki ließ sich darauf ein. Finnland ist in Sachen Inklusion gut aufgestellt und bietet ein anderes Kurssystem, wie ich unten beim Punkt "Studium" noch einmal genauer erkläre. So stand die Partnerhochschule für mich fest, und ich war sehr zufrieden mit meiner Wahl. Der weitere Bewerbungsprozess über das Mobility-Portal war einfach. Die Zulassung der Partnerhochschule kam etwas spät. Ich habe zwei Englisch-Sprachkurse der FHP besucht, die großen Spaß gemacht haben und bei denen ich viel gelernt habe. Die Anreise verlief mit der Fähre, da ich einige Hilfsmittel und deshalb ein Auto brauchte.
Wie lief die Wohnungssuche?
Wie alle anderen hatte auch ich mich beim finnischen Anbieter für WG-Zimmer HOAS auf ein bis zwei Zimmer (wegen der Assistenz) beworben. Leider hatte ich nie eine Antwort erhalten. Bis heute weiß ich nicht, ob es daran lag, dass ich nur zwei Monate in Finnland bleiben würde, oder daran, dass sie keine barrierefreien Zimmer hatten. Einige Zeit suchte ich Plattformen wie FeWo-Direkt oder eBay-Kleinanzeigen, aber ohne Erfolg. Ich hatte auch Angst, auf einen Betrug hereinzufallen; davor wurde ich auch gewarnt. Die Koordinatorin der DIAK empfahl mir die Noli Studios, die in Helsinki wohl sehr populär sind. Wahrscheinlich könnte man das Konzept am besten mit "Service-Wohnungen" erklären. Ich war anfangs auch hier verunsichert, da die Mitarbeiter*innen mir im Vorfeld zwar geduldig alle meine Fragen beantworteten, sich aber nie selbst als rollstuhlgerecht oder barrierefrei bezeichneten. Am Ende ließ ich es darauf ankommen und buchte mir ein geräumiges Studio im Noli Herttoniemi. Badezimmer (Duschstuhl musste ich selbst mitbringen), Küche und der Schlafraum waren gut mit einem manuellen Rollstuhl nutzbar. Da ich mit zwei Rollstühlen reiste, wurde es trotzdem manchmal ziemlich eng, und es gab hier und da unnötige Stufen. Alles in allem fühlte ich mich in meiner Wohnung trotzdem sehr wohl, gerade auch wegen der Sauna und der Arbeitsräume. Preislich war die Wohnung jedoch sehr teuer und nicht mit einem WG-Zimmer zu vergleichen.
Wie war es, an der Partnerhochschule zu studieren?
Ich fühlte mich an der Hochschule von Anfang an sehr wohl und gut in die Gruppe integriert. Meine Behinderung spielte auf eine sehr positive Weise keine Rolle; wenn ich aber Unterstützung brauchte, bekam ich diese. Die Einführungsveranstaltung war wirklich toll und sehr herzlich. Die Uni-Tage waren sehr lang, dafür aber auch sehr selten. Vieles fand immer noch online statt. Das Selbststudium nahm den größten Teil der Zeit ein. Ich musste eine Hausarbeit auf Englisch mit finnischem Bezug schreiben sowie eine schriftliche Prüfung ablegen. Ich belegte zwei Kurse, diese waren jedoch umfangreicher als in Deutschland. In Finnland finden sie nur über ein oder zwei Monate statt und nicht über ein ganzes Semester. Das war der Grund, warum ich auch nur für etwas über zwei Monate ins Ausland gehen und trotzdem alles ordentlich abschließen konnte. Die Kurse hießen Disability in Diverse Contexts und Social and Rehabilitative Services for Adult Population. Für die Prüfung fragte ich nach einer Zeitverlängerung und einem separaten Raum (wegen der Assistenz) und bekam beides unkompliziert.
Wie hoch waren die Lebenshaltungskosten? Welche Freizeit- und Sportangebote hast du genutzt?
Die Lebenshaltungskosten in Finnland sind hoch, wie in ganz Skandinavien. Vor allem Wohnraum ist sehr teuer. Wiederum konnte ich als Rollstuhlfahrerin kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, für die Assistenz musste ich dann aber doch wieder bezahlen. Ich habe die Sauna- und Arbeitsräume in meinem Haus viel genutzt. Sehr zu empfehlen sind die Inseln Seurasaari, Suomenlinna und Lonna, die Zentralbibliothek Odi, der Dom und die Felsenkirche von Helsinki. Die Insel Suomenlinna kann man z. B. kostenfrei mit dem HSL-Ticket (Ticket für den ÖPNV) besuchen. Sie bietet einzigartige Natur, ähnlich wie der Nuuksio-Nationalpark. Finnland zeichnet sich durch seine Natur, viele Seen, aber auch durch die Moderne aus. In der Odi-Bibliothek habe ich mit vielen anderen viel Zeit beim Schreiben meiner Hausarbeit oder beim Lernen verbracht. Der Ort ist beeindruckend und vielfältig. Der Dom ist das Wahrzeichen der Stadt. In der Felsenkirche haben wir ein klassisches Konzert erlebt; die Architektur und Akustik dort sind außergewöhnlich. Ein Ausflug nach Tallinn, Estland, sollte auch nicht fehlen. Mit der Fähre braucht man weniger als drei Stunden. Die Stadt ist im Gegensatz zu Helsinki zwar kaum rollstuhlgerecht, aber sehr sehenswert. Auch von der studentischen Vertretung O’Diako wurden einige Ausflüge organisiert.
Fazit und Tipps
Mein Auslandsaufenthalt hat mir sehr gut gefallen! Es war zwar ein großer organisatorischer Aufwand, doch am Ende hat alles wirklich besser als erwartet funktioniert. Helsinki ist eine tolle Stadt und vor allem sehr barrierefrei. Sie bietet Städte- und Nachtleben, aber auch eine Menge toller Natur. Die Stadt ist nicht so voll und dadurch schön übersichtlich. Finn*innen sind eher zurückhaltend, trotzdem aber freundlich. Die Erfahrung hat mich sehr gestärkt. Ich bin an dieser Herausforderung gewachsen und habe zudem viele neue Leute kennengelernt. Nun traue ich mir auch noch größere „Projekte“ zu. Von diesen Erlebnissen werde ich noch lange profitieren; sie haben mich sehr bereichert.
Ich hoffe, dass ich mit meiner Erfahrung auch ein Stück weit dazu beitragen konnte, dass Auslandsaufenthalte in Zukunft noch inklusiver und individueller gestaltet werden können. Für Finnland empfehle ich, Kleidung für jede erdenkliche Wetterlage einzupacken (ich hatte einen guten Sommer erwischt, es sind aber auch tiefe Minusgrade möglich). Außerdem empfehle ich, wenn möglich, sich einen Mietwagen zu nehmen, um noch mehr vom Land und der Natur zu sehen. Für Auslandsaufenthalte generell empfehle ich, sehr frühzeitig mit der Planung anzufangen. Danke für diese tolle Möglichkeit! Schon jetzt zieht es mich wieder ins Ausland, und ich hoffe, dass ich so einen Austausch vielleicht irgendwann noch einmal wiederholen kann.
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