Interview
„Zu kuratieren heißt zu vermitteln“ – Rückblick mit Teilnehmerin Dr. Yvonne Pauly
Als Koordinatorin des Schülerlabors Geisteswissenschaften der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beschäftigt sich Dr. Yvonne Pauly täglich mit Fragen der Vermittlung. In unserem Interview erzählt sie, warum sie sich für die Weiterbildung „Das Einmaleins des Kuratierens“ entschieden hat, welche Impulse sie für ihre eigene Praxis mitgenommen hat – und weshalb kuratorisches Denken weit über den Ausstellungsraum hinaus relevant ist.
JS: Sie arbeiten als Koordinatorin des Schülerlabors Geisteswissenschaften der BBAW. Mit welchen Fragen oder Erwartungen sind Sie in die Weiterbildung „Das Einmaleins des Kuratierens“ gestartet?
YP: Unser Schülerlabor möchte jungen Menschen im Übergang von der Schule zur Universität einen Eindruck davon vermitteln, wie die modernen Geisteswissenschaften funktionieren, was ihre Themen und Methoden sind, wie Forschung in der Praxis aussieht, an der Akademie und darüber hinaus. Wenn man also wie ich viel Zeit damit verbringt, anderen Wissen zu vermitteln, somit ständig „auf Sendung“ ist, ist es wichtig, regelmäßig auch „auf Empfang“ zu schalten, sonst verkümmern die entsprechenden Anlagen. Abgesehen von diesem generellen Bedürfnis hat mich am Kuratieren die besondere Art der Kommunikation gereizt: sich über die Auswahl und Anordnung von Gegenständen im Raum mitzuteilen. Damit hatte ich mich vorher noch nie beschäftigt, auch wenn die Tätigkeit eines Kurators mit dem, was ich mache, sonst einiges gemeinsam hat.
JS: Gab es während der Woche einen Moment oder ein Thema, bei dem Sie gemerkt haben: „Das kann ich direkt in meine Arbeit übertragen“?
YP: Weniger im Sinne eines einzelnen „Aha-Erlebnisses“ oder einer Anwendung eins zu eins; die Wirkung war eher indirekt und besteht auch noch fort. Die Dozent*innen kamen ja aus allen Bereichen, die beim Vorbereiten von Ausstellungen ineinander greifen: Zwei Kuratorinnen, eine Gestalterin, ein auf Urheber- und Bildrechtsfragen spezialisierter Jurist und ein Ausstellungsarchitekt. Dadurch traten immer neue Aspekte in den Blick, manche lagen mir näher, manche ferner, aber langweilig wurde es nie. Ich habe die Auseinandersetzung mit so vielen Ideen und Perspektiven sehr genossen und mit einer gewissen Überraschung festgestellt, dass ich auch die eigene Arbeit mit wiedererwachter Neugier angehe, vielleicht gerade, weil wir uns die ganze Woche so intensiv in einem anderen institutionellen Rahmen bewegt haben.
JS: Die Weiterbildung verbindet konzeptionelle Arbeit mit Praxis – von der Entwicklung eines Ausstellungskonzepts bis zu Besuchen in Museen und Gedenkstätten. Welche Elemente waren für Sie besonders hilfreich?
YP: Am zweiten und am dritten Tag standen Exkursionen in Potsdam und Berlin auf dem Programm, zu Ausstellungsorten mit ganz unterschiedlichem Profil: von der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße über das Deutsche Historische Museum bis zum Humboldt-Forum. Nach dem Ausstellungsbesuch gab es immer ein Gespräch mit einer oder mehreren Verantwortlichen aus dem jeweiligen Kuratorenteam, die uns die inhaltliche Konzeption sowie den Finanz- und Zeitplan erläuterten und auch Raum für Fragen gaben. Beides haben wir in der Gruppe dann noch einmal einer ausführlichen Nachbereitung unterzogen. Diese gemeinsame „Manöverkritik“, bei der wir uns über unsere Eindrücke verständigt und das bereits erworbene analytische Wissen versuchsweise auf die aktuellen Beispiele angewendet haben, fand ich sehr fruchtbar.
JS: Hat sich Ihr Blick auf Ausstellungen oder auf Vermittlungsformate durch den Kurs verändert? Wenn ja, inwiefern?
YP: „Weniger ist mehr“, „Kill your darlings!“ und Übungen im „Probe-Sterben“ von Exponaten: Das Credo unserer Dozent*innen, aber auch Empfehlungen aus dem Kreis der Teilnehmenden, die sich zu Running Gags des Seminargesprächs entwickelten, alles lief auf Konzentration hinaus, die Bereitschaft, selbst auf Renommierstücke einer Sammlung zu verzichten, wenn sie im jeweiligen Kontext nicht funktional sind. Eine gute Ausstellung nimmt die Besucher*innen mit auf einen Weg, sie müllt sie nicht zu. Diese Einsichten haben mich in meinem minimalistischen Rollenverständnis bestärkt und mir Mut gemacht, weiterhin Risiken einzugehen: Einen Workshop im Idealfall am Leitfaden nur einiger weniger behutsamer, aber präziser Impulse zu organisieren. Einen Großteil der Vorbereitungszeit und -energie in dieses grundlegende Arrangement zu investieren, die Gestaltung der didaktischen „Versuchsanordnung“, und den Schüler*innen dann Freiheit zu geben, ihnen viel zuzutrauen und auch zuzumuten: Sie werden das schon machen.
JS: Gibt es konkrete Ideen oder Projekte, bei denen Sie sich vorstellen können, das Gelernte künftig einzusetzen?
YP: Tatsächlich möchte ich ein Experiment dieser Art bereits in mein nächstes Projekt integrieren, es sozusagen an meine „Zielgruppe“ weitergeben. Im Zentrum der kommenden Schülerlabor-Reihe steht die Demokratie im transatlantischen Verhältnis. Aufgabe der Teilnehmenden wird es unter anderem sein, eine Ausstellung zum Arbeitstitel „Demokratische Dinge“ zu konzipieren und dafür jeweils ein mögliches Exponat von zuhause mitzubringen: Welcher Gegenstand verkörpert für mich Demokratie und warum? Die Konkretheit der Aufgabenstellung kommt den Schüler*innen entgegen, fordert sie aber auch heraus. Außerdem bietet sie Gelegenheit, der Problematik der Objektbeschriftung nachzugehen, die auch während der Weiterbildung mehrfach zur Sprache kam: Sind solche Texte unabdingbar, um eine Ausstellung adäquat zu erfassen? Oder greifen sie dem Prozess der Reflexion und selbständigen Bedeutungszuschreibung beim Betrachten eher vor, schneiden ihn ab?
JS: Für wen würden Sie die Weiterbildung besonders empfehlen – gerade auch aus Ihrer Perspektive als Bildungsakteurin?
YP: Wie bereits angedeutet, sehe ich durchaus Gemeinsamkeiten zwischen den Tätigkeiten. In beiden Fällen geht es darum, einem Gegenüber ein Thema zu erschließen, es in seinen Horizont zu bringen. Sich den „Blick auf den anderen hin“ zu eigen zu machen, ist für meinen Beruf eine entscheidende Voraussetzung. Ebenso wichtig ist es, einen Rahmen zu schaffen, Orientierung anzubieten, Struktur zu geben. Ähnlich beim Entwickeln von Ausstellungen: Jede Ausstellung hat notwendigerweise eine These, ist eine Setzung, aber – zumindest wenn es gut läuft – in dem Bewusstsein, dass das Konzept der Kuratorin erst im Besuchenden, im Betrachtenden aufgeht – oder eben auch nicht. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Von der Weiterbildung profitieren Lehrende und andere Akteur*innen in diesem Sektor meines Erachtens unbedingt, denn sie erweitert ihre Professionalität um eine weitere Dimension. Umgekehrt wäre es aber auch für Ausstellungsmacher*innen ein Gewinn, würden sie die skizzierten Fragestellungen als ihre ureigenen begreifen. Es ist kaum nachvollziehbar, dass „Bildung und Vermittlung“ in großen Ausstellungshäusern immer noch an Dienstleister ausgelagert wird, wenn die konzeptionelle Arbeit längst abgeschlossen ist. Denn zu kuratieren heißt ja per se zu vermitteln.
JS: Wie haben Sie die Zusammenarbeit in der Gruppe erlebt – auch im Austausch mit Teilnehmenden aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten?
YP: Der Austausch mit den anderen war absolut beflügelnd, anders kann ich es nicht sagen! Wir waren eine ziemlich bunte Runde mit Teilnehmenden aus ganz Deutschland und aus diversen Berufen und Tätigkeitsfeldern (Museum, Wissenschaft, Industrie, Medien und Journalismus, Vermittlung). Entsprechend ungezwungen ergaben sich untereinander Anknüpfungspunkte und Querverbindungen. Wir haben manchmal über Stunden geradezu entfesselt an unseren Gruppenprojekten gearbeitet und im Plenum diskutiert. Wie glücklich wir alle über diese besondere Erfahrung waren, wurde noch einmal bei der Abschlussrunde deutlich: Da haben wir uns von dem tollen Dozierendenteam nämlich schlicht und einfach eine Fortsetzung der Veranstaltung gewünscht, unter dem Motto „Das große Einmaleins des Kuratierens“.
Das Interview führte Julia Sammler.
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Unser Kurs „Das Einmaleins des Kuratierens“ wird 2027 wieder angeboten.