Rückblick
Vergessene Kinderpsychiatrie in der Villa Adlon: Studierende der FH Potsdam erforschen bislang unbekannte Klinikgeschichte
Ein bislang kaum bekanntes Kapitel der Potsdamer Zeitgeschichte rückt durch ein Lehrforschungsprojekt der Fachhochschule Potsdam erstmals in den Fokus: die Kinderpsychiatrie-Klinik in der Villa Adlon im Potsdamer Ortsteil Neu Fahrland. Studierende der Sozialen Arbeit haben, unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Alexandra Schmidt-Wenzel, im Rahmen eines zweisemestrigen Reallabors die Geschichte der Einrichtung untersucht, die dort von 1948 bis 1966 betrieben wurde – und in der Fachliteratur bisher kaum Erwähnung findet.
Ausgangspunkt der Forschung waren historische Unterlagen, die 2016 bei einem Dachbodenfund am ehemaligen Klinikstandort entdeckt wurden. Ergänzend sichteten die Studierenden Archivmaterialien, führten Interviews mit Zeitzeug*innen – darunter ehemalige Patient*innen und Mitarbeitende – und sprachen mit Anwohner*innen über ihre Erinnerungen an den Ort. Die Zusammenarbeit erfolgte in Kooperation mit dem Informations- und Begegnungszentrum (IBZ) Königsheide sowie der Gründungsinitiative Stiftung Königsheide e. V.
Die Recherchen liefern erstmals konkrete Einblicke in die Geschichte der Einrichtung: Bislang konnten rund 1.330 Kinder namentlich identifiziert werden, die dort wegen insgesamt 39 verschiedener Diagnosen behandelt wurden. Die erhaltenen Dokumente decken jedoch nur den Zeitraum von der Gründung 1948 bis etwa Mai 1957 ab und sind zudem lückenhaft. Forschende gehen daher davon aus, dass tatsächlich mindestens doppelt so viele Kinder in der Klinik behandelt wurden.
Neben der Rekonstruktion der institutionellen Geschichte rückt das Projekt auch die persönlichen Erfahrungen ehemaliger Patient*innen und Mitarbeitender in den Mittelpunkt. Die Zeitzeugeninterviews ermöglichen neue Perspektiven auf den Umgang mit psychischen Erkrankungen im Kinder- und Jugendbereich in der DDR und schließen damit eine wichtige Forschungslücke.
Die Ergebnisse des Lehrforschungsprojekts sind nicht nur für die regionale Erinnerungskultur von Bedeutung, sondern tragen auch zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Psychiatrie-Geschichte im Kontext des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesens der DDR bei.
Im Rahmen eines durch die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur geförderten Anschlussprojekts konnten einzelne Fragestellungen vertieft und die Forschungsergebnisse zusätzlich filmisch dokumentiert werden. Entstanden ist ein dokumentarischer Film, der die Recherchen, Zeitzeugenberichte und Eindrücke vom historischen Ort zusammenführt.
Trotz der neuen Erkenntnisse bleiben weiterhin offene Fragen – etwa zur Auflösung der Klinik im Jahr 1966 und zu Veränderungen in ihrer administrativen Zugehörigkeit. Die bisherigen Ergebnisse bilden daher eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen zur Geschichte der Einrichtung und ihrer Rolle in der DDR-Kinderpsychiatrie.