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Interview

Wenn Familien selbst Lösungen entwickeln – Im Gespräch über Familienrat, Persönliche Zukunftsplanung und radikale Partizipation

Familien verfügen oft über mehr Ressourcen und Lösungskompetenz, als ihnen zugetraut wird. Im Interview erklärt Prof. Dr. Hubert Höllmüller, warum Familienrat und Persönliche Zukunftsplanung so wirksame Ansätze sind, welche Rolle die sogenannte Lösungsabstinenz spielt und weshalb partizipative Verfahren heute wichtiger sind denn je.

Auf Grundlage einer Sorgeformulierung der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt der Familienrat einen ungewöhnlichen Ansatz: Nicht Fachkräfte erarbeiten die Lösung, sondern die Familie und ihr soziales Netzwerk selbst. Gemeinsam suchen sie nach Wegen, die zur Situation passen und von den Beteiligten getragen werden. Genau diese Haltung steht auch hinter der Persönlichen Zukunftsplanung, die Menschen dabei unterstützt, ihre Zukunft aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.

In unserer Weiterbildung Koordination im Familienrat / Moderation in der Persönlichen Zukunftsplanung lernen Fachkräfte, solche Prozesse professionell zu begleiten. Im Interview spricht Prof. Dr. Hubert Höllmüller über die Haltung hinter dem Ansatz, die Bedeutung von Partizipation und die Kompetenzen, die Teilnehmende für ihre Praxis mitnehmen.

Wie sind Sie ursprünglich mit Familienrat und Persönlicher Zukunftsplanung in Berührung gekommen?

Ein Träger der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe bat mich vor rund zehn Jahren, seine Familienräte zu evaluieren. Diese Aufgabe ermöglichte mir erstmals, die beeindruckende Fähigkeit von Familien zu erleben, eigenständig kreative Lösungen für komplexe Herausforderungen zu entwickeln und ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Diese Erfahrung hat mein Verständnis für und Interesse an partizipative Verfahren nachhaltig geprägt.

Familienrat gilt als besonders partizipativer Ansatz in der Kinder- und Jugendhilfe. Was macht ihn aus Ihrer Sicht so besonders?

Für mich liegt die Besonderheit des Familienrates in seinem radikal partizipativen Ansatz und der konsequenten Ressourcenorientierung. Beeindruckend ist die Vielfalt an kreativen und passgenauen Lösungen, die Familien selbst entwickeln – individuell abgestimmt auf ihre Bedürfnisse und Lebensrealitäten. Gleichzeitig führt die Vorbereitung und Durchführung des Familienrats dazu, dass Familien ihre Bindungen stärken und eine nachhaltige Gesprächs- und Konfliktkultur entwickeln. Diese individuell erarbeitete Dynamik wird oft freiwillig beibehalten und wirkt über den eigentlichen Familienrat hinaus stabilisierend.

Was verändert sich, wenn Familien nicht mehr nur über Probleme sprechen, sondern gemeinsam Zukunft gestalten? 

Die gemeinsame Zukunftsgestaltung schafft ein wertschätzendes Miteinander und lenkt den Fokus weg von Defiziten hin zu Ressourcen, Perspektiven und Möglichkeiten. Dieser Perspektivwechsel fördert ein „Wir-Gefühl“, das den familiären Zusammenhalt stärkt. Gleichzeitig werden vorher ungenutzte Ressourcen entdeckt und zugänglich gemacht. Das ermöglicht es Familien, auch schwierige Herausforderungen gemeinschaftlich und praxisnah zu lösen.

Der Begriff „Lösungsabstinenz“ taucht in der Weiterbildung immer wieder auf. Was bedeutet das konkret in der Praxis? 

Lösungsabstinenz bedeutet, dass Fachkräfte bewusst darauf verzichten, eigene Lösungen vorzugeben und stattdessen darauf vertrauen, dass die Familie selbst tragfähige und stimmige Wege entwickeln kann. Das setzt eine offene Haltung sowie Geduld und Vertrauen in den Prozess voraus. Für die Fachkraft bedeutet dies, die eigenen Vorstellungen und gewohnten Muster beiseitezulegen und stattdessen einen Raum zu schaffen, der es den Familien ermöglicht, ihre eigenen Antworten zu finden.

Viele Fachkräfte sind es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen vorzuschlagen. Was ist oft die größte Herausforderung beim Einstieg in die Rolle der Koordination? 

Die größte Herausforderung besteht darin, die Familie als Expertin ihrer eigenen Lebenswelt zu betrachten und Verantwortung abzugeben. Das erfordert Vertrauen in die Kompetenzen und Ressourcen der Beteiligten sowie eine Bereitschaft zur Selbstreflexion. Fachkräfte müssen lernen, sich aus gewohnten Mustern zu lösen, ihre eigenen Vorstellungen zurückzunehmen und sich offen darauf einzulassen, von den Familien zu lernen. Dieser Rollenwechsel kann anfangs Unsicherheiten mit sich bringen, ist aber essenziell für einen tragfähigen und partizipativen Prozess.

Was zeichnet die Persönliche Zukunftsplanung besonders aus? 

Die Persönliche Zukunftsplanung konzentriert sich auf die individuellen Wünsche, Stärken und Ziele der beteiligten Person. Sie stellt die betroffene Person konsequent in den Mittelpunkt und ermöglicht es ihr, aktiv zu gestalten, statt passiv Lösungen von außen zu erhalten. Gleichzeitig verabschiedet sich der Ansatz von paternalistischen Haltungen und fördert radikale Partizipation. Genau diese Ausrichtung stärkt das Ownership, also das Gefühl der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung – und macht den Ansatz so nachhaltig wirksam.

Die Weiterbildung arbeitet stark praxisorientiert. Mit welchen Kompetenzen gehen Teilnehmende nach Abschluss zurück in ihre Praxis? 

Die Weiterbildung fordert zunächst eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen professionellen Haltung. Darüber hinaus werden konkrete Fähigkeiten in Gesprächsführung, Moderation und Prozessgestaltung vermittelt. Teilnehmende lernen, Beteiligungsprozesse zu strukturieren, individuelle Ressourcen sichtbar zu machen und Menschen zu befähigen, eigene Lösungen zu entwickeln. Diese Kompetenzen sind nicht nur für den Familienrat wertvoll, sondern lassen sich nahezu in allen sozialen Arbeitsfeldern anwenden.

Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, sich mit partizipativen Verfahren wie Familienrat und Persönlicher Zukunftsplanung auseinanderzusetzen?

In einer Zeit, in der klassische Unterstützungsangebote oft an ihre Grenzen stoßen, bietet der Familienrat einen wegweisenden Ansatz, um Menschen zu aktiven Gestalter*innen ihrer eigenen Zukunft zu machen. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher und individueller Herausforderungen wird radikale Partizipation immer relevanter. Sie stärkt Vertrauen und Handlungskompetenz – beides unverzichtbare Grundlagen für eine wirksame psychosoziale Arbeit.

Wenn Sie Interessierten nur einen Satz mitgeben könnten: Warum lohnt sich diese Weiterbildung?

Diese Weiterbildung erweitert nicht nur den Blick auf Familien und Klient*innen, sondern verändert auch das eigene professionelle Handeln grundlegend – ein echter Gamechanger.

 

Die Weiterbildung Koordination im Familienrat / Moderation in der Persönlichen Zukunftsplanung richtet sich an Fach- und Führungskräfte der Sozialen Arbeit sowie des psychosozialen Unterstützungsfeldes, die Beteiligungsprozesse professionell gestalten und Menschen dabei unterstützen möchten, eigene Lösungen zu entwickeln und ihre Zukunft selbstbestimmt zu planen.

Interessiert? Weitere Informationen zu Inhalten, Terminen und Teilnahmevoraussetzungen erhalten Sie über die Seite der Weiterbildung. Die Kontaktdaten finden Sie unten auf dieser Seite.

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