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Interview

„Es gibt kein falsches Fühlen“ – Birgit Bucher im Interview über Traumapädagogik

Wer mit traumatisierten Menschen arbeitet, erlebt häufig herausfordernde Situationen, starke Emotionen und Unsicherheit im eigenen Handeln. Eine psychoanalytisch fundierte Traumapädagogik hilft Fachkräften, unbewusste Dynamiken besser zu verstehen, die eigene Rolle zu reflektieren und tragfähige Beziehungen professionell zu gestalten.

In ihrem Buch „Psychoanalytisch fundierte Traumapädagogik“ vertieft Frau Bucher diese Perspektive. Im Interview spricht sie über die Entstehung des Buches, den besonderen Beitrag psychoanalytischer Konzepte zur Traumapädagogik und die Bedeutung von Selbstreflexion für die professionelle Praxis.

Frau Bucher, herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung Ihres Buches „Psychoanalytisch fundierte Traumapädagogik“. Was war für Sie der Anlass, dieses Buch zu schreiben?

Vielen Dank! Der Anlass, dieses Buch zu schreiben, war für mich, dass ich es gern gelesen hätte. Da es das in dieser systematischen Ausführlichkeit noch nicht gab, habe ich es selbst geschrieben. Mich leitete die Annahme, dass die psychoanalytische Traumatheorie die Traumapädagogik bereichern könnte – das kann ich nun bestätigen, da ich es mit dem Buch umfassend begründe. Tatsächlich war ich ja auf Einladung von Alexandra Schmidt-Wenzel an der Entstehung des Curriculums „Traumapädagogik“ beteiligt, doch in Orientierung an den Vorgaben der DeGPT (Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie) spielte diese Perspektive für uns zunächst keine so große Rolle. Aber als Dozierende brachten wir unsere psychodynamische Perspektive aus der Praxis mit: Bettina Kupfer ist analytische Kinder- und Jugendlichen-Therapeutin und ich bin als Psychologische Beraterin und Familientherapeutin ebenfalls tiefenpsychologisch ausgebildet. Damit floss dieser Zugang automatisch in die Lehre mit ein und weitete sich aufgrund der starken Resonanz der Teilnehmenden zunehmend aus, sodass wir schließlich alle davon überzeugt waren. Heute ist es ein wichtiges Qualitätskriterium für uns und nahezu Alleinstellungsmerkmal in der Landschaft traumapädagogischer Weiterbildung, dass sie der unbewussten Wirkmächtigkeit traumatischer Erfahrung so große Beachtung schenkt. Daher legen wir neben der Theorie und dem persönlichen Praxisbezug in Form von Fallarbeit viel Wert auf professionelle Selbstreflexion, die als berufsbezogene Selbsterfahrung in den Händen von Franziska Lamott, einer erfahrenen Gruppenanalytikerin, liegt und die gesamte Weiterbildung begleitet. 

Viele pädagogische und soziale Fachkräfte begegnen traumatischen Erfahrungen von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen in ihrem Berufsalltag – oft ohne speziell dafür ausgebildet zu sein. Wo erleben Sie den größten Unterstützungsbedarf?

Ich erlebe den größten Unterstützungsbedarf vor allem bei der Überforderung der Fachkräfte, die ja in der Regel schwer belastete Adressat*innen mit großem Engagement begleiten und dabei unter starkem Handlungsdruck stehen - nicht selten bis zur Belastungsgrenze oder darüber hinaus. Tatsächlich ist Traumapädagogik im Studium noch viel zu unterrepräsentiert, sodass die entsprechende Ausbildung fehlt und Fachkräfte in herausfordernden Situationen auf ihre Intuition zurückgreifen müssen, mit den beschriebenen Folgen. Das trifft auf so gut wie alle Handlungsfelder zu: Von der Kinder- und Jugendhilfe, über Kita und Schule bis hin zur Begleitung Wohnungsloser, Geflüchteter oder psychisch Kranker. Am Anfang der Weiterbildung erfragen wir immer sehr ausführlich die Praxisrealität der Teilnehmenden und da wird uns dies sehr anschaulich vermittelt. Kommen dann noch strukturelle Defizite der Institutionen hinzu (z. B. personelle Unterbesetzung, fehlende Supervision oder wenig Unterstützung durch Leitung und Team), wird traumasensibles Arbeiten geradezu unmöglich. Diese Zusammenhänge zu erkennen, stellt häufig schon eine erste Entlastung dar. 

Traumapädagogik ist heute ein Angebot vieler Weiterbildungen. Mit Ihrem Buch erweitern Sie den Blick um eine psychoanalytische Perspektive. Was ist aus Ihrer Sicht das Neue oder Besondere an diesem Ansatz?

Dieser Ansatz ist ja nicht neu. Wir greifen damit die lange Tradition Psychoanalytischer Pädagogik auf, die schon vor hundert Jahren das pädagogische Beziehungsgeschehen und die Rolle der Fachkraft in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit gestellt hat. Denn im Falle traumatisierter Adressat*innen sind heute wie damals Pädagog*innen mit destruktiven Beziehungsanfragen konfrontiert - trotz all ihrer Bemühungen. Das heißt aggressive Impulsdurchbrüche, grenzüberschreitendes Verhalten, Selbst- und Fremdgefährdung kennzeichnen den herausfordernden Praxisalltag, was bei Fachkräften nicht selten zu intensiven Gefühlen von Hilflosigkeit, Wut oder Abwehr führt. Eine psychoanalytische Perspektive sieht darin einen Wiederholungsversuch unbewältigter Lebensgeschichte durch Reinszenierung früher Bindungserfahrungen als Bewältigungsstrategie. Diese zumeist unbewusste Psychodynamik erkennen, verstehen und mit ihr umgehen zu können, bildet eine wichtige professionelle Basis für ein traumasensibles Handeln. Eine psychoanalytische Fundierung der Traumapädagogik geht damit über Methodenwissen, diagnostische Kompetenz oder die Kenntnis traumapädagogischer Konzepte hinaus. Im Zentrum steht die Fähigkeit, die eigenen emotionalen Reaktionen sowie unbewusste Dynamiken als Erkenntnisquelle zu nutzen. Damit bedeutet Professionalisierung in diesem Feld nicht nur Wissensaneignung, sondern vor allem auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Was verändert diese Perspektive ganz konkret in der Begleitung traumatisierter Menschen? Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen, das den Mehrwert verdeutlicht? 

Die ergänzende psychoanalytische Perspektive in der Traumapädagogik erweitert den Blick und vor allem das Verstehen des Interaktionsgeschehens ganz entscheidend. Da ist zum Beispiel der Traumabegriff, der in der Traumapädagogik üblicherweise entlang der eng nach Symptomengruppen gefassten klinisch-psychiatrischen Diagnostik der (K)PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung und Komplexe Posttraumatischen Belastungsstörung) sowie neurobiologisch als archaische Notfallreaktion auf Extremstress beschrieben wird, auf die mit Psychoedukation, Sicherheit und Stabilisierung zu reagieren ist. Das ist alles richtig und für psychosoziale Fachkräfte erschließen sich in Kenntnis dieser Konzepte bereits hilfreiche neue Wege im Umgang mit traumatisierten Menschen, denn plötzlich macht deren mitunter befremdendes Verhalten subjektiven Sinn, erklären sich andere Diagnosen wie z.B. ADHS oder Angststörungen als mögliche Folgen von Traumatisierung. Was damit allerdings noch nicht erfasst wird, ist die Tiefendimension traumatischer Entwicklung in ihrer relationalen Komplexität. Das gilt insbesondere für frühe Bindungsbeziehungen und kumulative Traumatisierung. Gerade die Objektbeziehungstheorie der Psychoanalyse erweitert die Frage, was Trauma ist, um diese wesentliche Tiefendimension, indem sie entwicklungspsychologische Konzepte zur Verfügung stellt und die leichte Störbarkeit früher Entwicklung präzise erklären kann. Daraus ergeben sich wiederum konkrete Implikationen für die pädagogische Praxis, weil sich diese Erkenntnisse insbesondere in Beziehungen als folgenreich erweisen. Damit befasst sich mein Buch ausführlich.

Ihr Buch verbindet wissenschaftliche Grundlagen mit zahlreichen Fallbeispielen. Warum war Ihnen dieser Praxisbezug besonders wichtig und welche Rolle spielen solche Beispiele für die Professionalisierung von Fachkräften? 

Dass mein Buch zahlreiche Fallbeispiele liefert, würde ich nicht unbedingt sagen, aber es verdeutlicht im vierten Teil anhand unserer Weiterbildung ganz konkret, wie wir psychoanalytische Konzepte erfahrungsbasiert vermitteln. Denn Fallbeispiele dienen immer der Veranschaulichung, beim geschriebenen Wort ebenso wie in der Lehrveranstaltung. In der Weiterbildung stellen wir von Beginn an Bezug zur Praxis der Teilnehmenden her, schon allein deswegen, weil diese einen hohen Bedarf haben, sich über schwer zu bewältigende Praxiserfahrungen in der Gruppe auszutauschen. Aber es gibt noch einen anderen, fast wichtigeren Aspekt dabei: Die Relationalität von Traumatisierung, die immer zu pädagogischen Verwicklungen und zur emotionalen Beteiligung der Fachkräfte führt, wird zwar durch psychoanalytische Theoriekonzepte erklärbar, sie ist aber nur praxis- oder fallorientiert zu verstehen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass psychoanalytische Begriffe nicht ausreichend in der Tiefe durchdrungen werden und zu schematischer Vereinfachung verführen. Daher ist die Theorie dicht an die Erfahrungen der Teilnehmenden anzulehnen.

Welche Kompetenzen oder Haltungen sollten Fachkräfte entwickeln, um traumatisierte Menschen professionell begleiten zu können? Und was möchten Sie den Leserinnen und Lesern Ihres Buches dabei besonders mitgeben?

Zwei Aspekte sind mir besonders wichtig: Zum einen benötigen psychosoziale Fachkräfte ein differenziertes Verständnis, in welchen vielfältigen Phänomenen sich Traumatisierung ausdrückt und wie sich Trauma in der psychischen Struktur und damit im Beziehungsgeschehen niederschlägt, worüber insbesondere psychoanalytische Konzepte Aufschluss geben. Daraus folgt zum anderen, dass sich Fachkräfte über die Bedeutung ihrer persönlichen Rolle im Fallgeschehen bewusst werden müssen. Zentral ist dabei die Fähigkeit, sich selbst zum Instrument des Verstehens machen zu können, also in sich Aufschluss über das Beziehungsgeschehen zu erlangen und dafür eine Sprache zu finden und diese dem Gegenüber mitfühlend zur Verfügung zu stellen. So ist zum Beispiel die Ohnmacht der Fachkraft häufig die Ohnmacht des Kindes. Das klingt zunächst einfach und vielleicht auch zu vereinfacht, ist aber in der Praxis hoch anspruchsvoll, weil es eine selbstreflexive Wahrnehmungsschulung und das Aushalten von Unsicherheit voraussetzt. Die in psychoanalytischer Ausbildung bewährte Trias von Selbsterfahrung, Theorieaneignung und Praxisbezug bildet die Grundlage für die Aneignung solch einer psychoanalytisch-(trauma)pädagogischen Haltung des Verstehens, die in einem längeren relationalen Lern- und Erfahrungsprozess erworben und eingeübt werden muss, der in der Weiterbildung beginnt, der sich aber schließlich auf alle sozialen Lebensbereiche ausdehnen kann. 

Sie haben das Curriculum der Weiterbildung „Traumapädagogik“ an der FH Potsdam mitentwickelt und begleiten die Weiterbildung als Dozentin. Welche Erfahrungen machen die Teilnehmenden im Laufe der Weiterbildung – und welche Veränderungen beobachten Sie in ihrer beruflichen Praxis? 

Die Teilnehmenden lernen sich und ihre Adressat*innen im Verlauf der Weiterbildung besser kennen und verstehen. Siegfried Bernfeld, Psychoanalytischer Pädagoge im letzten Jahrhundert hat sinngemäß gesagt: In der Pädagogik stehe man immer vor zwei Kindern, dem zu erziehenden vor einem und dem verdrängten in einem. Ohne Selbstreflexion könne man gar nicht anders, als das Kind vor einem so zu behandeln, wie man es selbst erlebt hat. Es gilt also, diese beiden Kinder voneinander zu unterscheiden und dies setzt umfassende Selbstkenntnis voraus. Sind die Teilnehmenden zu Beginn der Weiterbildung noch auf der Suche nach brauchbaren Handlungstools, ändert sich ihr Fokus im Laufe des gemeinsamen Jahres auf die Ermöglichung einer tragfähigen Beziehungsgestaltung. 

Wenn Sie Fachkräften, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, einen Gedanken aus Ihrem Buch mit auf den Weg geben könnten – welcher wäre das?

Jedes Gefühl, das in der Arbeit mit traumatisierten Menschen aufkommt, ist ein wichtiger Hinweis im Sinne der Gegenübertragung und für Verstehen nutzbar zu machen. Es gibt kein falsches Fühlen, wenn es wahrgenommen und reflektiert wird.

 

Die nächste Weiterbildung „Traumapädagogik“ an der FH Potsdam findet vom 20.11.2026 – 06.11.2027 statt. Sie verbindet Theorie, Praxisbezug und professionelle Selbstreflexion. Erfahren Sie mehr über Inhalte, Ablauf und Bewerbungsmöglichkeiten.

Kontakt

ZEW – Zentrale Einrichtung Weiterbildung

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