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Interview

Buchbinden als Methode für kreative Bildungs- und Sozialarbeit

Portrait Lea Giesecke
Lea Giesecke © Andrea Vollmer

Lea Giesecke spricht über die neue Weiterbildung "Buchbinden als soziale Praxis" und zeigt, wie sie in der Arbeit mit Menschen genutzt werden kann.

Lea Giesecke ist Grafikdesignerin mit Schwerpunkt Print und Leiterin der Buchbindewerkstatt an der Fachhochschule Potsdam. In ihrer Weiterbildung Buchbinden als soziale Praxis zeigt sie, wie sich Buchbinden auch in der Arbeit mit Menschen einsetzen lässt.

Wie sind Sie persönlich zum Buchbinden gekommen?

Ich habe Kommunikationsdesign studiert. In Kiel an der Muthesius Kunsthochschule war Buchgestaltung ein fester Bestandteil des Studiums, mit einer eigenen Typografie- und Buchgestaltungsklasse. Das war das, was mir am meisten Spaß gemacht hat: Bücher zu gestalten – und nicht nur das, sondern auch zu verstehen, wie man Buchbindetechniken ausreizen und weiterentwickeln kann. Also das Buch wirklich als Objekt zu begreifen.

Daraufhin habe ich mich im Master weiter mit Buchgestaltung auseinandergesetzt. Damals war an der FH Potsdam noch Franziska Morlock. Sie hat das bekannte Werk Vom Blatt zum Blättern geschrieben, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Das war für mich ein wichtiger Grund, hier zu studieren.

Außerdem ist die Hochschule sehr gut ausgestattet, mit Maschinen und einer eigenen Buchbindewerkstatt – das ist nicht selbstverständlich. Viele Hochschulen haben das im Zuge der Digitalisierung eher vernachlässigt. Hier konnte ich mich dann weiter spezialisieren. In meiner Masterarbeit habe ich den BuchBauKasten entwickelt und mich intensiv mit Buchbindetechniken beschäftigt.

Der BuchBauKasten wurde im Verlag Prima Publikationen publiziert und ich bin damit auch auf Messen, halte Vorträge und gebe Workshops. Inzwischen hängt er auch an anderen Hochschulen in den Werkstätten. Es ist schön zu sehen, wie die Arbeit nicht nur ästhetisch ist, sondern wirklich genutzt wird und Studierenden hilft. Dadurch hat sich auch mein beruflicher Weg ergeben: Ich habe die Leitung der Werkstatt zunächst vertreten und dann übernommen. Irgendwie hat sich das alles zusammengefügt, was mich sehr freut.

Was fasziniert Sie an diesem Handwerk?

Am Buchbinden fasziniert mich, dass man erstaunlich wenig braucht, um anzufangen. Man kann das theoretisch auch zu Hause machen – ohne große Maschinen oder viel Material. Gleichzeitig geht es darum, Inhalte in eine Form zu bringen. Früher war das Buch vor allem ein Medium zur Dokumentation von Inhalten, heute kann man vieles digital speichern. Aber das Buch hat den Vorteil, dass Informationen als haptisches Objekt vorliegen. Inhalt und Form treten in ein Zusammenspiel – und können sich gegenseitig verstärken. Diese Kombination aus Einfachheit und der Möglichkeit, Informationen in ein Objekt zu bringen, finde ich besonders spannend.

Können Sie sich an Ihr erstes selbstgebundenes Buch erinnern?

Ich weiß nicht, ob ich schon als Kind Bücher gebunden habe – wenn, dann kann ich mich daran nicht erinnern. Aber an die ersten Bücher im handwerklichen Sinne erinnere ich mich: Das war in einem Praktikum in einer Buchbinderei vor meinem Studium. Dort durfte ich zum Beispiel an der Reparatur von Büchern aus Bibliotheken mithelfen. Und um die Techniken zu üben, habe ich auch Notizbücher gebunden, die ich auch behalten konnte.

Worum geht es in dem Kurs "Buchbinden als soziale Praxis" konkret?

Ich bekomme immer wieder Anfragen von sozialen Einrichtungen, die Interesse an Workshops haben. Gleichzeitig fehlt dort oft das Budget. Deshalb ist die Idee entstanden, die Menschen weiterzubilden, die ohnehin mit Kindern oder in sozialen Bereichen arbeiten – damit sie solche Workshops selbst anbieten können. Gerade weil die Techniken recht einfach sind, lässt sich das gut umsetzen.

Natürlich wird man in drei Tagen kein professioneller Buchbinder. Aber man kann mit Papier, Nadel und Faden schnell zu sehr schönen Ergebnissen kommen. Das ist gerade in der sozialen Arbeit sehr befriedigend – wenn die Teilnehmenden nicht nur Erfahrungen in Workshops machen, sondern auch etwas Haptisches danach mitnehmen können. Das Buch ist ein Medium, mit dem Kinder ihre Erfahrungen dokumentieren können. Es ist etwas anderes, als nur auf ein Blatt Papier zu schreiben – man hat am Ende eine kleine Publikation, die man mit nach Hause nimmt und vielleicht ins Regal stellt.

Für wen ist der Kurs besonders geeignet?

Der Kurs ist für alle geeignet, die gerne handwerklich mit Menschen arbeiten. Das können Kitas sein, Schulen oder andere soziale Einrichtungen – mit älteren Menschen, mit Menschen mit Behinderung oder mit psychischen Problemen. Also eigentlich für alle, die mit Menschen arbeiten und Interesse an solchen Workshop-Formaten haben. Zum Beispiel auch Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten.

Was lernen die Teilnehmenden ganz praktisch?

Am ersten Tag geht es vor allem um die Grundlagen: Buchbindetechniken, Papier, Papierherstellung und Laufrichtung – also das theoretische Fundament. An den beiden folgenden Tagen wird praktisch gearbeitet. Wir binden Notizbücher und lernen verschiedene einfache Techniken. Außerdem arbeiten wir gestalterisch, zum Beispiel mit Collagen, und übertragen Inhalte in kleine Buchformen – genannt "Zine". Am Ende nehmen die Teilnehmenden sowohl Notizbücher als auch ein eigenes kleines gestaltetes Zine mit, in dem sie zum Beispiel festhalten können, was sie gelernt haben.

Was unterscheidet den Kurs von klassischen Buchbindekursen?

Das Angebot ist explizit dafür gedacht, dass Menschen im sozialen Kontext damit arbeiten können. Das unterscheidet es von vielen Kursen, zum Beispiel an Volkshochschulen. Ich vermittle einerseits fundiertes Wissen – ich unterrichte ja auch an der Hochschule Grafikdesignerinnen und Grafikdesigner im Buchbinden.

Gleichzeitig ist der Kurs darauf ausgelegt, das Wissen direkt anzuwenden. Durch den BuchBauKasten bekommen die Teilnehmenden einen breiten Überblick über die Möglichkeiten des Buchbindens und ich bereite die Inhalte so auf, dass man sie direkt mit Kindern oder anderen Gruppen umsetzen kann. Ich habe selbst schon Seminare in der sozialen Arbeit gegeben und weiß, worauf es ankommt. Es gibt auch konkrete Beispiele und Projekte – also Ideen, wie man die Techniken in Workshops einsetzen kann.

Weiterbildung

Wer die Methoden in der eigenen Arbeit einsetzen möchte, erhält in der Weiterbildung Buchbinden als soziale Praxis an der Fachhochschule Potsdam die Möglichkeit, diese praktisch zu erlernen und zu vertiefen. Die nächste Weiterbildung findet vom 19. – 21.10.2026 statt.

Kontakt

ZEW – Zentrale Einrichtung Weiterbildung

Raum 1.10