Interview
„Danach schaut man anders auf Organisationen“: Was verändert eine Weiterbildung – über das neu erworbene Wissen hinaus?
In der Podcastfolge „Systemische Organisationstransformationen“ berichten die ehemaligen Teilnehmerinnen Julia und Katrin, welche Perspektiven sie gewonnen haben, was sie heute anders machen und warum Veränderung manchmal vor allem eines braucht: Zeit.
Es gibt Weiterbildungen, aus denen man vor allem neues Fachwissen und ein Zertifikat mitnimmt. Und es gibt Weiterbildungen, nach denen man anders auf Organisationen, Zusammenarbeit und Führung schaut. Wie ein solcher Perspektivwechsel aussehen kann, steht im Mittelpunkt einer Extra-Folge des Podcasts „Wenn heut schon morgen wär …“.
Frank Hörhold und Gabriele Dreilich, die gemeinsam die Weiterbildung „Systemische Organisationstransformation“ an der FH Potsdam leiten, sprechen darin mit den ehemaligen Teilnehmerinnen Julia und Katrin. Sie blicken zurück auf ihre Beweggründe zur Teilnahme, wichtige Erkenntnisse aus den Modulen und den Transfer in ihren beruflichen Alltag.
Praktische Erfahrung trifft auf theoretisches Fundament
Julia arbeitet als selbstständige Trainerin in den Bereichen Sales und Diversity. In ihrer Arbeit hatte sie bereits zahlreiche Veränderungsprozesse begleitet: vom Kulturwandel bis zur Einführung neuer Software. Dabei stellte sie fest, dass ihre Arbeit häufig weit über klassische Trainings hinausging. „Ich hatte schon Praxiserfahrung, aber mir fehlte noch ein theoretisches Fundament“, erzählt sie. Die Weiterbildung gab ihr die Möglichkeit, ihre bisherigen Erfahrungen einzuordnen, neue Zusammenhänge zu erkennen und ihr berufliches Profil weiterzuentwickeln.
Auch Katrin beschäftigt sich als Trainerin und Personalentwicklerin seit Langem mit Veränderungen in Organisationen. Sie interessierte besonders das Zusammenspiel zwischen den Bedürfnissen der Menschen und den Anforderungen der Organisation: „Es geht nicht nur darum, was Menschen brauchen, um einen guten Job machen zu können. Wir müssen auch fragen, was Organisationen brauchen, damit Menschen dort gut arbeiten können.“
An der Weiterbildung überzeugte sie zudem die Offenheit des Konzepts. Als Teilnehmerin des ersten Durchgangs konnte sie eigene Fragen und Bedarfe einbringen und die gemeinsamen Lernräume aktiv mitgestalten.
Organisationen als Ganzes betrachten
Eine zentrale Erkenntnis beider Teilnehmerinnen: Veränderungen lassen sich nicht isoliert betrachten. Wer an Strukturen oder Prozessen arbeitet, beeinflusst damit auch die Kultur, die Zusammenarbeit und die Menschen innerhalb der Organisation.
Katrin beschreibt es als Bewegung mehrerer miteinander verbundener Rädchen: Wird an einer Stelle etwas verändert, dreht sich an anderer Stelle automatisch etwas mit. Deshalb komme es darauf an, den Blick weit zu halten und zu fragen, welche Auswirkungen eine Entscheidung auf andere Bereiche der Organisation hat.
Julia ergänzt den Blick um einen Dreiklang aus Mensch, Organisation und Umwelt. Transformationsimpulse können an jedem dieser Punkte entstehen – ihre Auswirkungen zeigen sich jedoch immer im gesamten System.
Genau diese Verbindung prägt die Weiterbildung. Organisationsentwicklung, moderne Modelle, Prozesse und Strukturen werden nicht unabhängig von den beteiligten Menschen betrachtet. Ebenso wichtig sind Fragen der Haltung, der Kommunikation und der professionellen Begleitung von Veränderungsprozessen.
Veränderung braucht Geduld
Nicht eine einzelne Methode oder ein bestimmtes Modul hat Katrins Perspektive verändert. Entscheidend war für sie vielmehr der Lernprozess über die gesamte Weiterbildung hinweg.
„Ich bin geduldiger geworden – mit mir und mit Organisationen und ihrem jeweiligen Tempo“, sagt sie. Was aus fachlicher Sicht wie der logisch nächste Schritt erscheint, muss für eine Organisation oder ihre Mitarbeitenden noch nicht der passende Schritt sein. Nachhaltige Transformation lässt sich nicht beliebig beschleunigen (alternativ: steuern).
In jedem Modul habe sie neue Perspektiven kennengelernt und ihre bisherigen Annahmen überprüfen können. Daraus entstand nach und nach ein differenzierterer Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen von Veränderung.
Psychologische Sicherheit ist kein „Nice-to-have“
Für Julia hat die Weiterbildung vor allem den Blick für psychologische Sicherheit geschärft. Das Konzept war ihr bereits bekannt, erhielt im Zusammenhang mit Teams und Organisationen jedoch eine neue Bedeutung.
Heute erkenne sie in vielen geschilderten Situationen schneller, wenn psychologische Sicherheit nicht ausreichend vorhanden ist oder verletzt wurde. Für sie ist sie keine angenehme Ergänzung, sondern eine wesentliche Voraussetzung für Zusammenarbeit und Veränderungsfähigkeit.
Damit psychologische Sicherheit entstehen kann, braucht es Aufmerksamkeit, Reflexion und wiederum Zeit. Menschen müssen Fragen stellen, Unsicherheiten äußern und Fehler ansprechen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Gerade in Veränderungsprozessen wird diese Grundlage besonders wichtig.
Lernen bedeutet manchmal auch Verlernen
Die Weiterbildung vermittelt nicht nur neue Modelle und Methoden. Sie regt auch dazu an, vertraute Vorgehensweisen zu hinterfragen. Katrin bezeichnet dies als „Verlernen“: Organisationen greifen besonders unter Druck häufig auf bekannte Routinen zurück – selbst wenn diese nicht mehr zur aktuellen Situation passen.
Deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Warum machen wir die Dinge so, wie wir sie machen? Welchen Zweck hat eine bestehende Struktur erfüllt? Ist sie unter den heutigen Bedingungen noch hilfreich? Und was müssen wir möglicherweise loslassen, damit etwas Neues entstehen kann?
Veränderung bedeutet dabei nicht, alles Vorhandene grundsätzlich abzulehnen. Vielmehr geht es darum, bewusst zu entscheiden, was weiterhin trägt und was neu gedacht werden sollte.
Keine Schablone passt auf jede Organisation
Wie müsste eine Organisation aussehen, um langfristig handlungs- und zukunftsfähig zu bleiben? Auch dieser Frage widmen sich die Gesprächspartner*innen im Podcast.
Julia plädiert für eine menschenzentrierte und vielfaltssensible Gestaltung von Veränderungsprozessen. Mitarbeitende sollten möglichst früh einbezogen werden. Gleichzeitig dürften Organisationen aktuelle Entwicklungen nicht ungefiltert übernehmen, nur weil ein Thema gerade große Aufmerksamkeit erhält. Entscheidend sei die Übersetzung in den eigenen Kontext: „Was braucht meine Organisation wirklich?“
Katrin warnt ebenfalls vor vorgefertigten Lösungen. Nicht jede Methode passt zu jeder Organisation und nicht jeder Ansatz zu jedem Prozess. Bevor neue Strukturen oder Arbeitsweisen eingeführt werden, sollten Organisationen ihre Wertschöpfung, ihre Arbeitsweise und ihre konkreten Anforderungen betrachten.
Gabriele Dreilich sieht in Netzwerkorganisationen ein mögliches Zukunftsmodell. Sie können Komplexität besser abbilden und Zusammenarbeit über traditionelle Grenzen hinweg ermöglichen. Zugleich brauchen Menschen auch in flexiblen Strukturen Orientierung, Zugehörigkeit und eine gemeinsame Vorstellung davon, wozu ihre Arbeit beiträgt.
Frank Hörhold ergänzt einen weiteren entscheidenden Faktor: Zukunftsfähige Organisationen müssen auf neue Anforderungen und komplexe Entwicklungen schnell reagieren können, ohne ihre Wertschöpfung aus dem Blick zu verlieren.
Austausch als wichtiger Teil des Lernens
Was würden Julia und Katrin zukünftigen Teilnehmer*innen mitgeben? Ihre Empfehlung ist eindeutig: offen und neugierig in die Weiterbildung gehen, eigene Praxisfälle einbringen und den Austausch in der Gruppe aktiv nutzen.
Die Arbeit an realen Fragestellungen aus dem Berufsalltag half ihnen dabei, theoretische Ansätze auf konkrete Situationen zu übertragen. Ebenso wichtig war die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen der anderen Teilnehmer*innen.
„Eine Weiterbildung wird durch den Austausch mit den anderen Teilnehmenden noch einmal wertvoller“, fasst Julia zusammen. Neben neuen Erkenntnissen können dabei Netzwerke und Kontakte zu Menschen entstehen, die auch nach dem Kurs als Sparringspartner*innen erhalten bleiben.
Die vollständige Podcastfolge gibt es hier zu hören.
Weiterbildung „Systemische Organisationstransformation“
Die berufsbegleitende Weiterbildung verbindet fundierte Theorie mit erlebter Praxis. Die Teilnehmenden lernen, Organisationen systemisch zu verstehen, unterschiedliche Organisationsmodelle einzuordnen und Veränderungsprozesse professionell zu planen, zu kommunizieren und umzusetzen.
Der nächste Durchgang findet vom 12.11.2026 bis 16.04.2027 statt. Alle Informationen dazu auf unserer Weiterbildungsseite.