Interview
„Raus aus dem Kopf und rein in den Körper“ – Marie Rüdiger über ihre Erfahrungen mit dem Aktionszentrierten Coaching
Wie fühlt es sich an, sich über eineinhalb Jahre intensiv mit Coaching auseinanderzusetzen – nicht nur theoretisch, sondern auch mit der eigenen Haltung und persönlichen Fragestellungen? Marie Rüdiger hat die Weiterbildung „Aktionszentriertes Coaching“ an der Fachhochschule Potsdam absolviert. Im Interview erzählt sie, warum sie sich für die Weiterbildung entschieden hat, was sie an der Gruppe und den Lehrenden besonders beeindruckt hat und weshalb für sie gerade das praktische Erleben eine zentrale Rolle gespielt hat.
Frau Rüdiger, stellen Sie sich bitte kurz vor. Was machen Sie beruflich und in welchem Kontext arbeiten Sie mit Menschen?
Ich bin Erwachsenenpädagogin mit dem Schwerpunkt lebenslanges Lernen und arbeite seit neun Jahren an einer Hochschule. In den vergangenen Jahren war ich in einem Projekt für geflüchtete Lehrkräfte tätig – also zugewanderten Erwachsenen, die zurück in ihren Beruf wollten. Im Rahmen des Projekts habe ich diese Zielgruppe intensiv begleitet, habe unterrichtet und auch viel beraten. Seit einem Jahr arbeite ich in der Lehramtsausbildung.
Was hat Sie dazu bewogen, die Weiterbildung „Aktionszentriertes Coaching“ zu absolvieren?
In meinem vorherigen Job hatte ich das Bedürfnis, meine Kompetenzen für die Beratung zu schärfen. Als ausgebildete Pädagogin habe ich die Beratung wahrscheinlich schon gut gemacht. Aber ich habe immer wieder gemerkt, dass ich unsicher wurde, wenn ernstere Themen aufkamen oder die Beratung plötzlich auf eine tiefere Ebene ging. Ich wollte mehr Handwerkszeug haben und selbst sicherer werden. Gleichzeitig ging es mir darum, meine eigene Haltung zu reflektieren: Wie kann ich Menschen in solchen Prozessen gut beraten und begleiten?
Ich habe mir deshalb verschiedene Coaching-Ausbildungen angesehen – regionale und überregionale, kürzere und längere, teurere und günstigere. Dann bin ich auf die neue Coaching-Weiterbildung der FH Potsdam gestoßen. Mich haben einerseits die Inhalte und die Idee hinter der Weiterbildung angesprochen, andererseits aber auch die Rahmenbedingungen: Sie war als Bildungsurlaub anerkannt, im Vergleich zu anderen Angeboten nicht ganz so teuer und fand hier in der Region statt.
Wenn Sie an den Beginn der Weiterbildung zurückdenken: Was hat Sie besonders überrascht oder nachhaltig beeindruckt?
Als Erstes die Gruppe! Ich war natürlich gespannt, mit wem ich diese Ausbildung machen würde. Im ersten Modul hatten wir zwei Tage lang viel Zeit, uns kennenzulernen und haben dafür viele praktische Übungen gemacht. Ich war beeindruckt davon, wie divers die Gruppe war – mit ganz unterschiedlichen Berufsbiografien und Persönlichkeiten – und gleichzeitig waren wir alle in irgendeiner Form im pädagogischen Bereich tätig.
Schon damals hatte ich das Gefühl: Wir werden unglaublich viel voneinander lernen. Und das hat sich bestätigt.
Auch die Dozierenden haben mich beeindruckt. Es waren vier unterschiedliche Personen, die uns verschiedene Perspektiven vermittelt haben. Wenn ähnliche Gedanken aus unterschiedlichen Perspektiven wieder auftauchten, konnte sich das Gelernte bei mir besonders gut verknüpfen.
Was macht das Aktionszentrierte Coaching aus Ihrer Sicht besonders?
Ich kenne natürlich nicht alle anderen Coaching-Ansätze. Als ich mich vor über zwei Jahren mit verschiedenen Ausbildungen beschäftigt habe, habe ich aber versucht herauszufinden, welche zu mir passen könnte.
Bei der Weiterbildung in Potsdam haben mich beim Infoabend zunächst die vier unterschiedlichen Dozierenden beeindruckt und überzeugt. Besonders angesprochen hat mich außerdem schon damals die Idee: „Raus aus dem Kopf und rein in den Körper.“
Während der Weiterbildung habe ich dann immer wieder erlebt, was das bedeutet und wie hilfreich es sein kann. Statt nur über eine Fragestellung zu sprechen und im Gedankenkarussell zu bleiben, steht man zum Beispiel tatsächlich auf, nimmt unterschiedliche Positionen im Raum ein und spürt nach: Wie fühlt sich diese Position an?
Ich erinnere mich an eine Übung, bei der verschiedene Zeitpunkte auf einer Zeitleiste im Raum markiert waren. Es war eindrucksvoll zu erleben, dass es sich wirklich unterschiedlich anfühlt, je nachdem, wo man steht. Da habe ich gemerkt, dass diese Methode für mich tatsächlich funktioniert:
Eine Fragestellung aus der eigenen inneren Welt wird nach außen geholt und dort bearbeitet. Anschließend wirkt diese Erfahrung wiederum zurück auf die eigene innere Welt.
Ein wichtiger Bestandteil der Weiterbildung ist das praktische Arbeiten. Wie haben Sie diese Form des Lernens erlebt?
Die praktischen Übungen waren für mich zentral. Wir haben von Anfang an selbst gecoacht. Gerade am Anfang konnte sich das manchmal überfordernd anfühlen, weil wir direkt loslegen sollten und gewissermaßen ins kalte Wasser geworfen wurden. Ich glaube aber, dass genau das beabsichtigt war: ins Spüren zu kommen, Dinge auszuprobieren, Fehler machen zu dürfen und daraus zu lernen.
Gleichzeitig hatten wir regelmäßig selbst die Möglichkeit, mit einer aktuellen Fragestellung ins Coaching zu gehen. Diese kontinuierliche Begleitung und Selbstreflexion habe ich als großen Luxus empfunden. Bei mir selbst ist dadurch sehr viel passiert.
Ich fand auch den Rhythmus der Weiterbildung sehr passend. Wir kamen ungefähr alle vier bis acht Wochen für zwei Tage in Präsenz zusammen. Manches wurde wiederholt, gleichzeitig kam immer wieder Neues hinzu. Durch den Bildungsurlaub war ich von der Arbeit freigestellt und hatte wirklich Zeit, mich auf die Weiterbildung und diese Themen einzulassen. Das habe ich als etwas Besonderes empfunden.
Sie haben beschrieben, dass die Gruppe für Sie eine besondere Rolle gespielt hat. Ist der Kontakt auch nach der Weiterbildung geblieben?
Ja. Gerade ist Sommerpause und deshalb ist es etwas ruhiger, aber wir sind weiterhin in Kontakt. Das Schöne ist, dass ein regionales Netzwerk entstanden ist. Fast alle kommen aus Berlin und Brandenburg. Ich glaube, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch in Zukunft Kontakt haben.
Wir haben bereits die konkrete Absicht, uns weiter zu treffen, und dafür auch schon einen Raum in Potsdam organisiert. Es soll eine Mischung aus Stammtisch und Alumni-Gruppe werden.
Durch die gegenseitigen Coachings haben wir uns intensiv kennengelernt. Wir haben teilweise sehr persönliche Fragen und Herausforderungen miteinander bearbeitet. Das war bewegend und wertvoll und hat viel Nähe entstehen lassen. Gleichzeitig ist so etwas natürlich nicht immer einfach, wenn erwachsene Menschen sich intensiv begegnen und unterschiedliche Gefühle und Bedürfnisse zusammenkommen.
Zusätzlich waren wir zwischen den Modulen in kleinen Peergruppen organisiert, in denen wir uns gegenseitig unterstützt und ausgetauscht haben. Dadurch sind noch einmal engere Verbindungen entstanden. Wir haben uns über eineinhalb Jahre regelmäßig ausgetauscht und teilweise auch privat getroffen. Das war sehr wertvoll – aber man muss auch bereit sein, sich auf einen solchen Prozess einzulassen und sich so zu öffnen.
Welche Auswirkungen hat die Weiterbildung für Sie beruflich oder persönlich?
Ich schreibe gerade noch meine Abschlussarbeit für die Weiterbildung. Einige aus unserer Gruppe haben sich inzwischen selbstständig gemacht oder sind dabei, diesen Schritt zu gehen. Andere können Coaching direkt in ihren Beruf integrieren.
Bei mir ist das im Moment nicht so, weil sich mein Job inzwischen verändert hat. Ich glaube aber, dass sich bei mir innerlich sehr viel verändert hat und dass ich vieles aus der Weiterbildung mitnehme, auch wenn das nach außen vielleicht nicht sofort sichtbar ist.
Langfristig habe ich auf jeden Fall Lust, stärker in Richtung Coaching zu gehen. Ich habe auch schon darüber nachgedacht, zunächst ehrenamtlich neben meinem Job damit tätig zu werden. Was genau daraus entsteht, weiß ich noch nicht. Aber durch das entstandene Netzwerk und meine Lust auf das Thema glaube ich, dass sich daraus auf jeden Fall etwas entwickeln wird.
Was würden Sie Menschen raten, die darüber nachdenken, eine Coaching-Weiterbildung zu machen?
Ich glaube nicht, dass es unbedingt nur die eine richtige Coaching-Ausbildung gibt. Auch wenn die Ansätze unterschiedlich sind, geht es bei einer längeren Ausbildung ja immer darum, sich auf den Weg zu machen und auch an sich selbst zu arbeiten. Bei uns ging es sehr viel um die eigene Haltung.
Mir hat es geholfen, mich zunächst wirklich umzuschauen: Welche Angebote gibt es? Was interessiert mich? Was kann ich mir vorstellen? Ich würde empfehlen, Infoabende zu besuchen, Erfahrungsberichte zu lesen und eigene Fragen und Unsicherheiten anzusprechen. Ich hatte bei unseren Dozierenden und auch bei der Zentralen Einrichtung Weiterbildung das Gefühl, dass sie ansprechbar sind.
Gleichzeitig muss man sich irgendwann auch auf die Weiterbildung einlassen. Ich wusste vorher nicht vollständig, was ich in den nächsten eineinhalb Jahren erleben würde, und manches hat mich überrascht. Das kann man vorher auch gar nicht alles wissen.
Wenn man aber schon länger darüber nachdenkt und bereit ist, Zeit, Geld und Kraft zu investieren, würde ich empfehlen, diesen Schritt wirklich zu gehen.
Für mich persönlich war außerdem der Standort Potsdam ein großer Vorteil. Die Weiterbildung ließ sich dadurch sehr gut mit meiner Familie vereinbaren. Ich hatte keine zusätzlichen Kosten für Reisen oder Übernachtungen und konnte mit dem Fahrrad zu den Modulen fahren. Und auch die anderen Teilnehmenden kamen überwiegend aus Berlin und Brandenburg. Dass dadurch heute ein regionales Netzwerk entstanden ist, empfinde ich als zusätzlichen Gewinn.
Mehr über die Inhalte, Methoden und nächsten Termine erfahren Sie in der Weiterbildung Aktionszentriertes Coaching an der Fachhochschule Potsdam.