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Ganztag ist kein Nachmittag – von Prof. Dr. Gerlind Große

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung stellt Schulen, Horte und Träger vor eine pädagogische Grundsatzfrage: Wie gestalten wir Lernen über den ganzen Tag hinweg?

Ab August 2026 beginnt eine neue Phase der Ganztagsbildung. Der Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung für Kinder im Grundschulalter wird stufenweise eingeführt. Das Ganztagsförderungsgesetz ist mehr als eine administrative Zumutung an Länder, Kommunen, Schulträger und Jugendhilfe. Es verschiebt den Blick. Wer künftig mehr Zeit mit Kindern institutionell verantwortet, muss genauer sagen können, wofür diese Zeit pädagogisch genutzt wird. Der Ganztag darf nicht zur bloßen Verlängerung des Vormittags werden. Und er darf auch nicht im Missverständnis enden, nach dem Lernen vormittags stattfindet und Betreuung nachmittags.

Guter Ganztag beginnt mit einer anderen Vorstellung von Zeit. Kinder lernen nicht im 45-Minuten-Takt, sie entwickeln sich nicht entlang von Stundenplänen, und sie bilden Selbstständigkeit nicht dadurch aus, dass Erwachsene lediglich Angebote aneinanderreihen. Ganztag heißt: Der ganze Tag wird als Bildungszeit verstanden. Dazu gehören konzentrierte Lernphasen ebenso wie Bewegung, Spiel, Rückzug, gemeinsames Essen, Gespräche, Projekte, Konflikte, Übergänge und freie Zeiten. Gerade in diesen scheinbar unspektakulären Situationen entscheidet sich, ob Schule ein Lern- und Lebensort wird.

Die Kultusministerkonferenz beschreibt Ganztagsangebote als erweitertes Bildungs- und Betreuungsangebot, das Lern-, Freizeit- und Förderangebote verbindet und damit Bildungsqualität, Persönlichkeitsentwicklung und Chancengerechtigkeit stärken kann. Berlin spricht in seinen Fachinformationen vom ganztägigen Lern- und Lebensort, der Lernen mit der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern verknüpft und Strukturen braucht, die sich an Lernvermögen, Bedürfnissen und Interessen orientieren. Das ist mehr als Programmatik. Es ist der Kern der anstehenden Qualitätsfrage.

Eine zentrale Antwort darauf heißt Rhythmisierung. Nicht als Stundenplanästhetik, sondern als pädagogisches Prinzip. Ein sinnvoll rhythmisierter Ganztag ordnet Zeiten nicht nur effizient, sondern kind- und lerngerecht: Phasen der Konzentration wechseln mit Bewegung, Vertiefung mit Entspannung, angeleitete Lernprozesse mit Eigenzeit, individuelle Arbeit mit sozialer Erfahrung. Die Berliner Fachinformationen zur Rhythmisierung verweisen ausdrücklich darauf, dass viele Grundschulen nicht mehr in starren 45-Minuten-Einheiten arbeiten und Unterrichts-, Freizeit- und individuelle Lernzeiten neu verbinden.

Gerade reformorientierte Schulen zeigen, was daraus folgen kann. Wenn der Tag rhythmisiert ist, verändert sich nicht nur die äußere Struktur, sondern auch die pädagogische Rolle der Erwachsenen. Lehrkräfte, Erzieherinnen, Sozialpädagoginnen, Lernbegleiter, Schulsozialarbeit und Leitung handeln nicht mehr in getrennten Zuständigkeiten. Sie tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass Kinder Lernwege finden, sich ausprobieren, Fehler produktiv nutzen, Beziehungen aufbauen, Konflikte bearbeiten und Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen können.

Das ist anspruchsvoll. Es reicht nicht, Unterrichtsmaterial in den Nachmittag zu verlängern. Es reicht auch nicht, Betreuungsangebote möglichst bunt zu organisieren. Entscheidend ist die Frage, wie Lernprozesse über den Tag hinweg begleitet werden. Wer erkennt, woran ein Kind gerade arbeitet? Wer sieht, wann Rückzug nötig ist und wann Ermutigung? Wer hilft, ein Ziel zu klären, ohne das Kind zu steuern? Wer gibt Feedback, das Orientierung schafft und nicht beschämt? Wer achtet darauf, dass leise Kinder nicht übersehen, konflikthafte Kinder nicht nur reguliert und leistungsstarke Kinder nicht einfach sich selbst überlassen werden?

Hier berührt der Ganztag unmittelbar die Frage der Chancengerechtigkeit. Mehr Zeit in Institutionen kann soziale Ungleichheit abschwächen – aber nur, wenn diese Zeit qualifiziert gestaltet wird. Der Ganztag eröffnet Lerngelegenheiten, die nicht vom Elternhaus abhängen: Zugang zu Sprache, Kultur, Bewegung, Projektarbeit, Beziehung, Unterstützung und Reflexion. Er kann Kindern helfen, Lernstrategien zu entwickeln, Selbstwirksamkeit zu erleben und Erfahrungen zu machen, die ihnen sonst möglicherweise verschlossen blieben. Aber diese Potenziale entstehen nicht automatisch. Sie brauchen professionelle Wahrnehmung und pädagogische Gestaltung.

Dafür ist ein gemeinsames Bildungsverständnis im Team entscheidend. Ganztag bringt unterschiedliche Professionen zusammen, die historisch verschieden sozialisiert sind: Unterricht, Hort, Jugendhilfe, Schulsozialarbeit, Therapie, Beratung, Elternarbeit. Jede dieser Perspektiven ist wichtig. Aber ohne gemeinsame Sprache entstehen Parallelwelten. Dann spricht die eine Seite von Leistung, die andere von Bedürfnis; die eine von Förderung, die andere von Beziehung; die eine von Struktur, die andere von Freiheit. Kinder erleben solche Brüche sofort. Gute Ganztagsbildung braucht deshalb Verständigung: über Lernen, Entwicklung, Verantwortung, Teilhabe, Beziehung und Grenzen.

An Schulen wie der Leipziger Modellschule wird sichtbar, wie stark diese Fragen miteinander zusammenhängen. Jahrgangsgemischtes Lernen, projektorientierte Arbeit, inklusive Settings, selbstorganisierte Lernzeiten und Ganztag lassen sich nicht getrennt voneinander denken. Wer Kinder über den Tag begleitet, gestaltet Lernumgebungen, Beziehungen und Entwicklungsräume zugleich. Die Qualität liegt dann nicht nur in einzelnen Methoden, sondern in der Architektur des ganzen Tages: Wann gibt es Orientierung? Wann Wahlfreiheit? Wann Resonanz? Wann Übung? Wann Gemeinschaft? Wann Ruhe?

Damit rückt ein Begriff in den Vordergrund, der in der Ganztagsdebatte bisher zu selten präzise gefüllt wird: Lernprozessbegleitung. Gemeint ist nicht ein weiteres pädagogisches Etikett. Gemeint ist eine professionelle Praxis, die Lernen wahrnimmt, deutet, strukturiert, begleitet und reflektiert. Lernprozessbegleiterinnen und Lernprozessbegleiter beobachten nicht nur Ergebnisse, sondern Verläufe. Sie schauen nicht nur auf Defizite, sondern auf Ressourcen, Barrieren und nächste mögliche Schritte. Sie gestalten nicht nur Gespräche, sondern auch Aufgaben, Räume, Routinen, Portfolios und Rückmeldeformate.

Dabei beginnt gute Lernprozessbegleitung nicht mit einem Tool, sondern mit Haltung. Wie sehe ich Kinder? Traue ich ihnen Entwicklung zu? Wie reagiere ich auf Widerstand, Fehler oder Überforderung? Wo gebe ich zu viel vor, wo lasse ich zu viel offen? Wie halte ich die Balance zwischen Schutz und Zumutung, Beziehung und Klarheit, Autonomie und Struktur? Solche Fragen sind keine weichen Zusatzthemen. Sie entscheiden darüber, ob Ganztag ein Ort der Kontrolle oder ein Raum der Entwicklung wird.

Auch digitale und KI-gestützte Werkzeuge werden in dieser Entwicklung eine Rolle spielen. Sie können Lernjournale, Portfolios, Dokumentation, Materialentwicklung oder individuelle Lernpfade unterstützen. Aber sie lösen die pädagogische Aufgabe nicht. Im Gegenteil: Je stärker Technik in Bildungsprozesse einzieht, desto wichtiger wird die professionelle Urteilskraft der Erwachsenen. Was sollte automatisiert werden – und was gerade nicht? Welche Daten dürfen genutzt werden? Wie bleiben Entscheidungen transparent? Wie verhindern wir, dass digitale Systeme bestehende Ungleichheiten verstärken? Die Frage ist nicht, ob KI im Ganztag vorkommt. Die Frage ist, ob sie pädagogisch verantwortet wird.

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung zwingt das Bildungssystem deshalb zu mehr als Ausbau. Er zwingt zur Klärung. Was verstehen wir unter Bildung über den ganzen Tag? Welche Rolle spielen Beziehung, Selbststeuerung, Diagnostik, Feedback und Raumgestaltung? Wie arbeiten Professionen zusammen? Und wie können Einrichtungen Kinder nicht nur länger betreuen, sondern besser begleiten?

Der Zertifikatskurs „Ganzheitliche Lernprozessgestaltung“ der Fachhochschule Potsdam setzt an dieser Schnittstelle an. Er richtet sich an Fachkräfte aus Schule, Ganztag, Beratung und Bildungsentwicklung, die Lernprozesse professionell begleiten und Lernumgebungen wirksam gestalten wollen. Im Mittelpunkt stehen systemische Haltung, Lernpsychologie und Selbstregulation, entwicklungsorientierte Diagnostik, das Design von Lernsettings, Interaktions- und Teamqualität sowie der verantwortungsvolle Einsatz digitaler und KI-gestützter Werkzeuge.

Der Kurs ist dabei selbst so angelegt, wie guter Ganztag gedacht werden sollte: erfahrungsorientiert, reflektiert, praxisnah und transferstark. Die Teilnehmenden arbeiten an eigenen Fällen, entwickeln ein Praxisprojekt, nutzen Portfolioarbeit, Peer-Lernen und begleitende Reflexionsformate. So entsteht nicht nur Wissen über Lernprozessbegleitung, sondern ein professionelles Handlungskonzept für das eigene Arbeitsfeld.

Der Ausbau des Ganztags ist mehr als eine strukturelle Reform. Er ist eine Einladung, Bildung über den ganzen Tag hinweg neu zu gestalten: rhythmisiert, beziehungsorientiert, inklusiv und chancengerecht.

Mit dem Zertifikatskurs „Ganzheitliche Lernprozessgestaltung“ greift die Fachhochschule Potsdam diese Entwicklungsaufgabe auf. Die Weiterbildung bietet einen wissenschaftlich fundierten und praxisnahen Rahmen, um Lernprozesse professionell zu begleiten, Lernumgebungen zu gestalten und multiprofessionelle Zusammenarbeit im eigenen Feld weiterzuentwickeln. Der Kurs umfasst 15 ECTS-Leistungspunkte und schließt mit einem Hochschulzertifikat der Fachhochschule Potsdam ab.

Über die Autorin

Prof. Dr. Gerlind Große ist Forschungsprofessorin für Frühkindliche Bildungsforschung an der Fachhochschule Potsdam und Dekanin des Fachbereichs Sozial- und Bildungswissenschaften. Als Leiterin des PINA-Forschungslabors forscht und arbeitet sie zu Lernprozessbegleitung, Schul- und Ganztagsentwicklung, pädagogischer Interaktionsqualität, inklusiver Bildung sowie zur Gestaltung guter Lernumgebungen. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der verantwortungsvolle Einsatz digitaler und KI-gestützter Technologien in Bildungsprozessen.

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Die Weiterbildung befindet sich derzeit in der Vorbereitung. Wenn Sie frühzeitig Informationen zum Kursstart erhalten oder unverbindlich Ihr Interesse vormerken möchten, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf. Auf Wunsch setzen wir Sie auf unsere Interessent*innen-Liste und informieren Sie, sobald weitere Informationen und die Anmeldung verfügbar sind.

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