Interview
Sicherheit im Umgang mit einem sensiblen Thema
Im Interview gibt Prof. Dr. Karin Borck Einblicke in die neue Weiterbildung "Trauer am Arbeitsplatz" an der Fachhochschule Potsdam und zeigt, warum Unsicherheit im Umgang mit Trauer so verbreitet ist.
Mit der Weiterbildung vermittelt Prof. Dr. Karin Borck, wie Organisationen Sicherheit im Umgang mit Verlust und Trauer entwickeln können – ein Thema, das im Arbeitskontext oft unterschätzt wird, aber großen Einfluss auf Teamkultur, Vertrauen und Mitarbeiterbindung hat.
Wie sind Sie persönlich zu diesem Thema gekommen?
Ganz persönlich bin ich als Hochschullehrerin mit dem Thema in Berührung gekommen, als ich zwei Trauerfälle von Studierenden begleitet habe – darunter auch den Tod einer Studentin. Dabei habe ich gemerkt, dass es eine große Unsicherheit im Umgang damit gibt: Was macht man eigentlich, wenn eine Studentin verstirbt? Wer ist wofür verantwortlich?
Wir haben das damals gut bewältigt, und ich bin auch zur Beerdigung gegangen. Dort wurde mir noch einmal sehr deutlich, wie wichtig es für die Angehörigen war, dass jemand von der Hochschule anwesend ist. Für die Eltern war ich eine Brücke zu einer Welt, die sie selbst nicht kannten.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie bedeutsam das Thema ist – gerade im Arbeitskontext. Also dort, wo Menschen arbeiten, braucht es einen guten Umgang mit Trauer. Ich habe mich dann auf die Suche gemacht: Was gibt es eigentlich dazu? Im privaten Bereich gibt es viele Angebote zur Trauerbegleitung, aber im Kontext von Arbeit erstaunlich wenig.
Dabei gehören Verluste zum Leben dazu. Aus meiner Erfahrung – auch aus der Unternehmensberatung – wurde mir klar: Es geht darum, Sicherheit im Umgang mit diesem Thema zu vermitteln. Wie gehen wir damit gut um?
Was bewegt Sie dabei und was möchten Sie weitergeben?
Mir ist wichtig zu vermitteln, dass man den Umgang mit Trauer lernen kann – auch professionell. Gleichzeitig muss man sich dem Thema stellen.
Gerade Führungskräfte oder Menschen in der Personalabteilung tragen hier Verantwortung. Man kann Aufgaben delegieren, aber man kann das Thema nicht einfach „weggeben“. Führungskräfte müssen sichtbar damit umgehen.
Es gibt auch Studien, die zeigen: Mitarbeitende beobachten sehr genau, wie ihre Führungskraft in Krisensituationen reagiert. Das hat großen Einfluss auf die Unternehmenskultur, das Arbeitsklima und auch darauf, ob Mitarbeitende im Unternehmen bleiben. Ein guter Umgang mit Krisen ist also zentral.
Worum geht es im Seminar „Trauer am Arbeitsplatz“ konkret?
Ein erster Schwerpunkt ist die Frage: Was ist eigentlich Trauer? Hier gibt es neuere wissenschaftliche Erkenntnisse. Klassische Phasenmodelle verlieren an Bedeutung – stattdessen spricht man heute eher von Traueraufgaben oder von bleibenden Beziehungen, die gestaltet werden.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sensibilisierung: Das Thema soll aus der Tabuzone geholt werden. Gleichzeitig geht es darum, mehr Sicherheit in der Kommunikation zu gewinnen – etwa im Umgang mit Kolleg:innen, die einen Verlust erlebt haben.
Ein zweiter Schwerpunkt ist der Erfahrungsaustausch. Tod und Trauer sind Themen, mit denen fast jeder Mensch schon einmal konfrontiert war. Im Seminar geht es darum, voneinander zu lernen, gute Beispiele zu teilen und gemeinsam Ansätze für das eigene Unternehmen zu entwickeln. Denn es gibt keine Lösung, die für alle passt – jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden.
Der dritte Baustein ist eine Art Toolbox: Welche konkreten Handlungsmöglichkeiten gibt es? Was kann man vorbereiten? Welche Best-Practice-Beispiele gibt es?
Zum Beispiel: Wie geht man damit um, wenn der Arbeitsplatz einer verstorbenen Kollegin aufgelöst werden muss? Hier geben wir konkrete Anregungen.
Für wen ist der Kurs besonders geeignet?
Der Kurs richtet sich vor allem an Führungskräfte sowie an Mitarbeitende in Personalabteilungen oder im betrieblichen Gesundheitsmanagement.
Gleichzeitig ist er offen für alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen möchten und mehr Sicherheit im Umgang mit Trauer im Arbeitskontext gewinnen wollen. Ein gewisses Interesse am Thema ist dabei wichtig.
Kann das Thema auch im Rahmen von Inhouse-Formaten bearbeitet werden?
Ja, das ist möglich. In akuten Situationen geht es dann weniger um klassische Schulung, sondern eher darum, gemeinsam zu überlegen: Wie wollen wir als Team damit umgehen? Wie möchten wir erinnern?
Ein Beispiel aus der Praxis: In einem Krankenhaus ist eine junge Pflegedienstleitung verstorben, die zwei Kinder hatte. Das Team hat daraufhin ein Buch für die Kinder gestaltet, in dem beschrieben wurde, wie ihre Mutter bei der Arbeit wahrgenommen wurde. Das war eine sehr berührende und hilfreiche Form des Erinnerns – und sie kam direkt aus dem Team.
Solche Prozesse lassen sich nicht von außen vorgeben, aber sie können moderiert werden.
Welche Rolle spielt dabei das Umfeld – zum Beispiel die Familie?
Trauer betrifft immer einen größeren Kontext. Wenn eine Kollegin oder ein Kollege verstirbt, betrifft das nicht nur das Team, sondern auch die Familie.
Ein Beispiel: Beim Ausräumen eines Arbeitsplatzes wurde nicht einfach alles verpackt und übergeben. Stattdessen wurden der Ehemann und die Tochter eingeladen. Der Arbeitsplatz wurde mit einer Kerze und Blumen gestaltet, und das Team hat gemeinsam mit der Familie den Schreibtisch ausgeräumt. Die Tochter hat das später als sehr positiv erlebt.
Das zeigt: Trauer geht über das Unternehmen hinaus und sollte auch so betrachtet werden.
Zum Abschluss: Was nehmen die Teilnehmenden konkret aus dem Seminar mit?
Zum einen konkrete Impulse und eine Art Toolbox für den Umgang mit Trauer im Arbeitskontext. Zum anderen – und das ist fast noch wichtiger – verlieren viele die Angst, etwas falsch zu machen.
Denn genau diese Unsicherheit ist oft das größte Hindernis: Was sage ich? Spreche ich das Thema überhaupt an? Wie gehe ich mit Situationen wie einer Fehlgeburt um?
Hier schafft das Seminar Orientierung und Sicherheit.
Weiterbildung & Inhouse-Angebot
Wenn Sie den Umgang mit Trauer im Arbeitskontext in Ihrer Organisation stärken möchten, bietet die Weiterbildung „Trauer am Arbeitsplatz“ praxisnahe Impulse, Austausch und konkrete Handlungsmöglichkeiten.
Das Seminar ist auch als Inhouse-Format buchbar – individuell zugeschnitten auf Ihre Einrichtung oder Ihr Team.