Inhaltliche Erschließung

Aufbau, Ziele und Arbeitsformen

Die inhaltliche Erschließung beschäftigt sich mit der Gesamtheit der Methoden und Hilfsmittel, die man benötigt, um die Inhalte von Dokumenten so abzubilden, daß sie gezielt wiederauffindbar sind und eine schnelle Orientierung über sie möglich ist.

Man kann sich dem Schwerpunkt zum einen auf methodischer Ebene nähern, zum anderen über seine vielfältigen Anwendungsbereiche. Im Vordergrund der Vermittlung am IID stehen die Methoden der inhaltlichen Erschließung, die Art ihrer Durchführung (intellektuell oder automatisch), ihre Anwendung und die dafür benötigten Hilfsmittel sowie die zugrunde liegenden Qualitätskriterien. Ergänzend tritt die gesonderte Behandlung wichtiger Anwendungsbereiche dazu.

Die theoretische Annäherung erfolgt in drei Schritten.

Im ersten Schritt werden theoretische Grundlagen vermittelt, die auf eine geschärfte Wahrnehmung für die Vielfalt und Mehrdeutigkeit der Sprache, das Verhältnis von Begriffen zu Bezeichnungen und damit verbundener Probleme für die Erschließung von Dokumentinhalten zielen. Es folgt im zweiten Schritt eine anwendungsorientierte Vermittlung wesentlicher Methoden der Inhaltserschließung, vor allem die Inhaltsabbildung durch Kurzreferate (Abstracting) und die Zuweisung einzelner inhaltskennzeichnender Bezeichnungen (Indexieren). Gegenstand des letzten Schritts sind Hilfsmittel für die inhaltliche Erschließung, vor allem die konzeptionsorientierte Annäherung an Dokumentationssprachen. Diese zielt im Kern auf eine Gegenüberstellung der beiden Grundtypen‚ nämlich Thesauri und Klassifikationen, auf deren Erstellung, Pflege und Anwendung. Begleitet werden die einzelnen Schritte von der Vorstellung typischer Medien und Anwendungsbereiche, etwa dem Bibliotheksbereich, dem Patentwesen, dem Internet oder der Bilddokumentation.

Die Inhalte werden im Wechsel von Theorie und praktischen Übungen vermittelt, wobei Einzel- und Gruppenarbeitsformen zum Tragen kommen. Der Unterricht wird ergänzt durch Berichte Externer aus ihrer beruflichen Praxis und durch Exkursionen in einschlägige Dokumentationseinrichtungen.

Am Ende des Lehrblocks können die Teilnehmer_innen die wichtigsten Methoden der inhaltlichen Erschließung anwenden und deren Ergebnisse beurteilen. Sie können mit Dokumentationssprachen arbeiten, sich in deren Konstruktion hineindenken und deren Qua-lität einschätzen. Sie können beurteilen, wann welche Methode und welches Hilfsmittel sinnvollerweise zum Einsatz gebracht werden sollte und sind in der Lage, unter Einbezug der dafür gegebenen Rahmenbedingungen eigenständig Konzepte für die Erschließung von Dokumentbeständen (gleich welcher Art) zu entwickeln.

Im Schwerpunkt kann eine schriftliche Prüfungsvorleistung erbracht werden, die die Anwendung und den Vergleich verschiedener Methoden der inhaltlichen Erschließung zum Gegenstand hat.

Zentrale Begriffe

Inhaltliche Erschließung
Gesamtheit der Methoden und Verfahren zur inhaltlichen Beschreibung von Dokumenten. Dies geschieht zumeist durch ihre Anreicherung mit ganzen Sätzen oder einzelnen Bezeichnungen. Der Zweck der Inhaltserschließung besteht in einem gezielten und schnellen Zugriff auf und einer ebensolchen Orientierung über Dokumentinhalte.

Dokument / Dokumentationsobjekt:
Objekt, auf das sich der Dokumentationsprozeß bezieht: „any item, printed or otherwise, which is amenable to cataloguing or indexing” (ISO 5963, S.1). Ein Dokument kann mehrere dokumentarische Bezugseinheiten enthalten und umgekehrt kann eine dokumentarische Bezugseinheit aus mehreren Dokumenten bestehen.

Dokumentarische Bezugseinheit / DBE:
Objekt, Teil eines Objektes oder mehrere Objekte, dessen/deren Eigenschaften während des Dokumentationsprozesses als zu dokumentierende Einheit betrachtet werden. Die DBE kann, aber muß nicht identisch mit dem Dokument sein.

Dokumentationseinheit / DE:
Die Dokumentationseinheit ist die Menge der Erfassungselemente, die stellvertretend für eine DBE in den Dokumentationsprozeß eingeht.

Begriff:
Die gedankliche Vorstellung von einem Gegenstand als Ergebnis einer menschlichen Abstraktionsleistung und unabhängig von der jeweiligen sprachlichen Form. Begriffe sind die Kernstücke der Inhaltlichen Erschließung und vor allem für die Erarbeitung von Dokumentationssprachen von Bedeutung.

Bezeichnung:
Die sprachliche Repräsentation eines Begriffes, entweder natürlichsprachig in Form einer Benennung oder künstlichsprachig z.B. in Form einer Notation. Ein und dieselbe Bezeichnung kann verschiedene Begriffe repräsentieren (Homonymie bzw. Polysemie), ebenso wie verschiedene Bezeichnungen ein und denselben Begriff repräsentieren können (Synonymie). Das Auseinanderhalten von Begriffen und Bezeichnungen ist in der Inhaltlichen Erschließung von zentraler Bedeutung.

Abstracting:
Methode der Inhaltlichen Erschließung. Kurze, klare, verständliche, wertfreie Wiedergabe des wesentlichen Inhalts einer DBE im Kontext. Ihr Sinn besteht vor allem in der schnelleren Inhaltserfassung und der schnelleren Auswahl relevanter Dokumente, womit sie vor allem eine Orientierungsfunktion erfüllt.

Indexieren:
Methode der Inhaltlichen Erschließung. Beschreibung der wesentlichen Inhaltskomponenten einer DBE, die entweder frei zugeteilt, dem Dokumentvokabular oder einer zugrunde liegenden Dokumentationssprache entnommen werden. Der Sinn des Indexierens besteht vor allem darin, aus einer großen Anzahl von DBE die relevanten herauszufiltern, womit es vor allem eine Zugangsfunktion erfüllt. Indexieren meint aber auch den Vorgang der Registererstellung.

Ordnung:
Aufstellung von Relationen zwischen Elementen einer Menge derart, daß jedes Element mit jedem anderen Element in einem deutlich ausgewiesenen Zusammenhang steht.“ (Terminologie der Information und Dokumentation 1975:103). Ordnung erweist sich als unabdingbare Voraussetzung, wenn es um den gezielten und schnellen Zugriff auf Dokumente, Registereinträge oder das Vokabular einer Dokumentationssprache geht. Der Anordnung von Ordnungselementen muß eine Festlegung von Ordnungsprinzipien und Ordnungsmerkmalen vorausgehen.

Register:
Produkt und Hilfsmittel inhalterschließender Tätigkeit. Suchhilfe zur ergänzenden Erschließung von Dokumenten mit der Funktion, einen alternativen Zugriff auf die Dokumentinhalte zu ermöglichen. Register bestehen aus Einträgen, die die Inhalte eines Dokuments nach anderen Gesichtspunkten ordnen, aufschließen und darstellen als das im Dokument selbst geschehen ist. Sie haben weniger Informationsgehalt als das Dokument, dem sie zugeordnet sind. Vielmehr verweisen sie nur auf eine Stelle im Dokument, an der mehr Information erhältlich ist. Sie sind stets Sekundärprodukte und benötigen für ihre Erstellung ein Basisdokument. Register können nicht nur für Schriftdokumente erstellt werden, sondern z.B. auch für Web-Sites. Darüber hinaus finden sie sich in Datenbanken wieder.

Dokumentationssprache:
Hilfsmittel für das Indexieren. Gesamtheit aller Begriffe und ihrer sprachlicher Ausdrücke, die, nach bestimmten Regeln angewandt, vor allem der Indexierung dokumentarischer Bezugseinheiten und ihrer gezielten Wiederauffindung (Retrieval) dient. Mit ihrer Hilfe werden die wesentlichen Inhaltskomponenten einer DBE repräsentiert und die Suchfragen formuliert. Sie kann natürlichsprachig basiert oder künstlichsprachig sein.

Klassifikation:
Künstlichsprachige Dokumentationssprache zur inhaltlichen Groberschließung. Begriffssystem, das zur Ordnung von Gegenständen oder Wissen über Gegenstände eingesetzt wird und auf der Klassenbildung beruht. Es lebt von dem Prinzip, eine DBE genau einer Klasse zuzuordnen und ermöglicht dadurch eine Kennzeichnung des Standorts. Seine Elemente werden bei Indexat und Recherche durch Notationen repräsentiert.

Notation:
Bestandteil einer Klassifikation. Eine aus Zahlen, Buchstaben und / oder Sonderzeichen bestehende, nach bestimmten Regeln gebildete künstlichsprachige Bezeichnung, die eine Klasse repräsentiert und i.d.R. deren Stellung im systematischen Zusammenhang andeutet.

Thesaurus:
Natürlichsprachig-basierte Dokumentationssprache zur inhaltlichen Feinerschließung. Geordnete Zusammenstellung eindeutig aufeinander bezogener Begriffe und Benennungen, die zum Indexieren, Speichern und Wiederauffinden dokumentarischer Bezugseinheiten dient und auch das Verfahren der Indexierung regelt. Sie lebt von dem Prinzip, jeden wesentlichen Sachverhalt einer DBE durch eine Bezeichnung abzubilden. Ihre Elemente werden bei Indexat und Recherche durch Deskriptoren repräsentiert.

Deskriptor:
Element eines Thesaurus. Eine genormte und eindeutige Benennung, die zur Inhaltskennzeichnung (Indexierung) und zum Retrieval zugelassen und verbindlich ist. Sie repräsentiert eine Klasse bedeutungsgleicher bzw. -gleichgesetzter Benennungen.

Precision / Genauigkeit:
Meßgröße zur Bestimmung der Retrievalqualität. Anzahl der gefundenen relevanten Treffer (=Dokumentationseinheiten) geteilt durch die gesamte Treffermenge. Die Precision gibt über die Fähigkeit eines Informationssystems Auskunft, nur relevante Treffer auf eine Suchfrage hin zu finden.

Recall / Vollständigkeit:
Meßgröße zur Bestimmung der Retrievalqualität. Anzahl der gefundenen relevanten Treffer geteilt durch die Anzahl der relevanten Dokumentationseinheiten in der Datenbank insgesamt. Der Recall gibt über die Fähigkeit eines Informationssystems Auskunft, alle relevanten Treffer auf eine Suchfrage hin zu finden.

Literatur

Monographien

Bertram, Jutta 2005: Einführung in die inhaltliche Erschließung. Grundlagen - Methoden - Instrumente, Würzburg: Ergon.

Der Band führt in die Methoden der Inhaltserschließung ein (Indexieren, Abstracting) und stellt mit Thesauri und Klassifikationen Erschließungsinstrumente vor, die eine Brückenfunktion erfüllen zwischen jenen, die Informationen suchen und jenen, die sie aufbereiten. Die Publikation richtet sich vornehmlich an Teilnehmer und Lehrende von Hochschulstudiengängen im Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationsbereich.

Gaus, Wilhelm 2000: Dokumentations- und Ordnungslehre. Theorie und Praxis des Information Retrieval, 3. aktualis. Aufl., Berlin u.a.: Springer.

Einführungsbuch in grundlegende Ordnungsprinzipien und -systeme mit Lehrbuchcharakter, didaktisch gut aufbereitet, bisweilen allerdings etwas oberflächlich geraten. Neuere Entwicklungen werden kaum berücksichtigt. Der Autor entstammt der medizinischen Dokumentation.


Greiner, Götz 1978: Allgemeine Ordnungslehre, Frankfurt/M.: Eigenverl.

Kurzes, anschauliches Einführungsbuch in die Grundlagen der inhaltlichen Erschließung unter den Aspekten der Ordnungslehre.

Kiel, Ewald / Rost, Friedrich 2002: Einführung in die Wissensorganisation. Grundlegende Probleme und Begriffe, Würzburg: Ergon.

Verständliches und gut aufbereitetes Buch mit Lehrbuchcharakter aus dem päd-agogischen Kontext, das u.a. in Grundlagen und Hilfsmittel der Inhaltserschließung einführt.

Lang, Friedrich H. 1980 : Inhaltserschließung, in: Laisiepen, Klaus, Lutterbeck, Ernst, Meyer-Uhlenried, Karl-Heinrich: Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. Eine Einführung, 2., völ. neubearb. Aufl., München u.a.: K G Saur: 246-298

Umfassende Einführung in grundlegende Begriffe, Methoden und Prozesse der IE.

Zeitschriften:

In folgenden Zeitschriften finden sich immer mal wieder Artikel zur inhaltlichen Erschließung:

a) Zeitschriften im informationswissenschaftlichen Bereich:

Information - Wissenschaft und Praxis

Bis 1997: NfD. Name der Fachzeitschrift der DGI, zugleich die zentrale Fachzeitschrift im Bereich der IuD. Sie erscheint monatlich und "stellt sowohl theoretische Überlegungen des Gesamtbereichs Information und Dokumentation sowie Informationsmanagement dar, gibt aber auch einen kontinuierlichen Überblick über die Realisierungsmöglichkeiten theoretischer Ansätze und beschreibt den praktischen Einsatz unterschiedlicher Technologien im Bereich Archiv, Bibliothek und Dokumentation..." Für DGI-Mitglieder ist die NfD in einer Online-Vollversion, für Nichtmitglieder in einer Online-Kurzversion verfügbar.
http://www.dgd.de/pub_zeitschriften.aspx

Info 7

Untertitel: Information in Archiven, Mediotheken, Datenbanken. Vom Vorstand der Fachgruppe 7, dem Zusammenschluß der Medienarchivare und Mediendokumentare im VdA (Verband deutscher Archivare) herausgegebene Zeitschrift. Sie versteht sich als deren Fachpublikation und Informationsorgan und erscheint dreimal jährlich in unregelmäßigen Abständen.
http://www.vfm-online.de/publikationen/zeitschrift/

Knowledge Organization

ehemals International Classification. Die seit 1974 bestehende Zeitschrift ist das offizielle Organ der ISKO (siehe Abschnitt 5). Sie ist eine „platform for the discus-sion of both theoretical background questions and practical application problems. In each issue experts from many countries comment on questions of an adequate struc-turing and construction of ordering systems and on the problems of their use…” Sie erscheint vierteljährlich.         http://www.isko.org/ko.html

Journal of Documentation

“The Journal of Documentation publishes submitted and commissioned papers based on research or practice relating to the recording, organisation, management, retrieval, dissemination and use of information in systems of all kinds.” Erscheinungsweise: zweimonatlich.
http://www.emeraldinsight.com/jd.htm

b) Zeitschriften im bibliothekarischen Bereich:

Bibliotheksdienst

"Der Bibliotheksdienst ist das Organ der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände (BDB), eine überregionale Fachzeitschrift mit Mitteilungen und Berichten aus allen Bereichen der Bibliotheksarbeit. (...) Er enthält Aufsätze, Berichte von Kommissionen und Projekten, informiert über geplante und vergangene Fortbildungsveranstaltungen und stellt neue Fachliteratur vor." Man findet dort in den letzten Jahren hauptsächlich Artikel zur Erschließung von Internetquellen, den Aufbau virtueller (Fach-)Bibliotheken und dergleichen mehr.
http://bibliotheksdienst.zlb.de/ (Jahrgänge 1996-2005)
http://digital.zlb.de/viewer/!toc/019591853/0/LOG_0000/ (Jahrgänge 2006-2012)

Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie

„Die Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, vereinigt mit dem Zentralblatt für Bibliothekswesen, ist das zentrale Fachorgan des deutschen Bibliothekswesens. Sie erscheint zweimonatlich und hat einen jährlichen Gesamtumfang von etwa 368 Seiten. Sie ist Forum für den Erfahrungs- und Meinungsaustausch der Fachöffentlich-keit, bietet eine Plattform für die Darstellung künftiger Entwicklungen und publiziert übergreifende Darstellungen für das Archiv-, Bibliotheks- und Informationswesen.“ Die ZFBB ist im Verhältnis zum Bibliotheksdienst, der sich eher als Nachrichtenorgan ver-steht, stärker akademisch ausgerichtet.

http://www.klostermann.de/Zeitschriften/Zeitschrift-fuer-Bibliothekswesen-und-Bibliographie-Forschung

B.I.T. online

Zeitschrift für Bibliothek, Information und Technologie. Sie legte ihren Schwerpunkt von Anfang an auf Technik und Technologie, auf die konventionelle (etwa Bibliotheksbau und -einrichtung) ebenso wie auf die Datenverarbeitung (von Katalogsystemen über das Internet bis hin zu elektronischen Publikationen und Digitalen Bibliotheken). Zu diesen Themen gesellen sich in letzter Zeit Fragen des Bibliotheks-Managements. Die Zeitschrift war ursprünglich als reine Online-Zeitschrift geplant. Sie erscheint vierteljährlich in einer Print- und Online-Version.
http://www.b-i-t-online.de/heft/index.html

Links

Lehrmaterialien (nicht nur) zur Inhaltlichen Erschließung:

 

INFODATA-eDepot

  • http://www.infodata-edepot.de/
    Vom Informationszentrum für Informationswissenschaft und -praxis, FH Potsdam un-terhaltenes Informationssystem, das einen Volltext-Zugang zu grauer informationswis-senschaftlicher Literatur (Lehrmaterialien u.ä.) über Verfasser, Ausbildungseinrichtun-gen, den INFODATA-Thesaurus und freie Schlagwörter bietet. Die Sammlungspolitik und Auswahlkriterien sind allerdings nicht transparent gemacht.

 

Übersicht über Thesauri und Klassifikationen im WWW:

pdf-Version

Zuständige Dozentin