Design > News | 28.03.2017

„Politiken des Designs“ – Lehrende und Studierende fragen nach der gesellschaftspolitischen Verantwortung ihres Fachs

Diskussionen um politische Umwälzungen in Deutschland, Europa und der Welt prägen unseren Alltag. Wir erleben Angriffe auf als sicher angenommene Freiheiten durch Terrorismus und Extremismus und sehen vermeintliche Fakten und belegbares Wissen durch ungekannte Formen der Diffamierung herausgefordert. All dies beweist: Innerhalb unserer Gesellschaft bewegt sich etwas – doch wohin? Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftspolitischen Herausforderungen stellt sich der Fachbereich Design an der FH Potsdam im Sommersemester 2017 die Frage, welche Rolle Designer*innen heute, morgen und in der Zukunft einnehmen können. Unter dem gemeinsamen Semesterthema „Politiken des Designs” widmen sich Lehrende und Studierende in einer Reihe von Lehrveranstaltungen diesen komplexen Themen, laden zum regen Austausch und zur Diskussion ein und präsentieren die Ergebnisse des Semesterthemas unter anderem im Rahmen der Werkschau im Juli 2017.

Der Sommer wird heiß! Politisch stehen 2017 einige richtungsweisende Entscheidungen in Deutschland und Europa an. Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich, im Herbst schließlich auch in der Bundesrepublik. Zudem beschäftigt uns der Brexit und ein US-amerikanischer Präsident, dessen Verhalten auch nach der Wahl alles andere als eine Versachlichung des politischen Diskurses erkennen lässt. Überdies: gesellschaftliche Spaltung, wachsender Unmut und Hass, der sich zunehmend öffentlich Bahn bricht und in den sozialen Medien bisher ungekannte Formen annimmt. Vor diesem Hintergrund fällt es zuweilen schwer, eine eigene Position zu wahren und zu verteidigen. Unsere oft als Konsens angenommenen freiheitlich-demokratischen Wertesysteme sind ins Rutschen geraten. 

In dieser unübersichtlichen Gemengelage wird zu Recht immer wieder die Frage gestellt, welche Funktion dem Design im politischen und gesellschaftlichen Diskurs zukommt. Die Arbeit von Designer*innen ist einerseits abhängig von einem liberalen, wirtschaftlichen Umfeld und einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschafts­ordnung. Anderseits muss aber auch selbstkritisch betrachtet werden, in welchem Maße gestalterische Arbeit mit den komplexen Problemlagen der Welt verquickt ist, in manchen Fällen vielleicht sogar zum Komplizen wird. Viele angehende und praktizierende Designer*innen sowie Lehrende und Studierende des Fachbereichs Design und der Europäischen Medienwissenschaft analysieren und verhandeln die Zusammenhänge von Design und Politik und etablieren und erproben Formen, in denen sie sich an den aktuellen gesellschaftspolitischen Prozessen konstruktiv beteiligen können. An welchen Stellen wirkt sich gestalterisches Handeln konkret auf politische Prozesse und Positionen aus? Kann Design im Dienste einer Aufklärung gegen Ressentiments und Radikalismus und für Rationalität und Vernunft begriffen werden und wenn ja, wie?

Im Rahmen des Semesterthemas „Politiken des Designs” werden sich Studierende und Lehrende der Diskussion und Erforschung dieses komplexen Themenfeldes widmen. Das Ziel des gemeinsamen Themas ist es, unterschiedliche gestalterische Perspektiven auf die Beziehung zwischen Design und Politik zu entwickeln und dabei konkrete Bezüge zu den aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen zu nehmen. Die Arbeit soll dabei in drei Handlungsfelder unterteilt und in verschiedenen Lehr- und Forschungsformaten, lokalen Kooperationen und öffentlichen Veranstaltungen erarbeitet und präsentiert werden.
Das erste Handlungsfeld umfasst die Themen „Aufklärung und Vermittlung”. Vor dem Hintergrund eines Erstarkens „postfaktischer” Argumentationen und „Fake-News” stellen sich Designer*innen die Frage, wie ihr Fach an einer Rückkehr zu einem auf Grundlage fundierter Sachlichkeit geführten Diskurs beitragen kann. Welche Qualitäten und Expertisen können Gestalter*innen zur Verfügung stellen, um den homogenen Meinungsraum einer „Filterbubble” durch zusätzliche Perspektiven zu begegnen? Und schließlich: Wie können Informationen, Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse anschaulich, nachvollziehbar und verständlich dargestellt werden?
Das zweite Handlungsfeld „Identität” fragt nach dem Zusammenspiel von Design und Identität. Hier soll es darum gehen, den aufkommenden Formen des Nationalismus eine pluralistische, tolerante und weltoffene Konzeption von Identität(en) entgegenzusetzen. In einem theoretischen und praktischen Forschungsprozess wird die Frage diskutiert, wie Identität mit gestalterischen Mitteln beschrieben, erzählt und erzeugt werden kann.
Der dritte Themenbereich beschäftigt sich mit „Zukunft und Vision”. Zentral ist hier die Frage: „Was sind die Narrative des 21. Jahrhunderts?”. Dieser Bereich schließt gewissermaßen an die Fragen des Handlungsfeldes „Identität” an, versucht diese jedoch im größeren Bezugsrahmen zu denken. Zuweilen wird der heutigen Generation von Gestalter*innen eine gewisse Fantasielosigkeit attestiert. Zwar beschäftigen sie sich tagtäglich mit Artefakten, die unseren Alltag zukünftig und langfristig bestimmen, erleichtern und bereichern sollen, dennoch fehlen die übergeordneten Narrative, die Mut für den Aufbruch in eine attraktive Zukunft machen. Doch jede Vision muss sich auch an der Lebenswirklichkeit messen lassen. Daher ist das Ziel dieses Themenbereichs, die großen Narrative auch mit den Biografien der Menschen zu verknüpfen und ihre Ausgestaltung daran zu schärfen. 

Der Fachbereich Design wird sich zur Bearbeitung dieser komplexen Fragestellungen mit KollegInnen der Fächer Soziale Arbeit und Kulturarbeit, Architektur, Urbane Zukunft und Informationswissenschaften zusammenschließen und regionale Kooperationen anstreben. Die Ergebnisse des Semesterthemas werden unter anderem in der Werkschau am 14./15. Juli 2017 präsentiert.

Das Programm folgt auf der Website der Werkschau 

 

 

 

Kontakt

Katrin Glinka
Telefon: +49 331 580-2518
E-Mail: glinka­ (at) fh-potsdam.de
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