Digitaler Postmaterialismus

Bachelor-Arbeit von Lino Teuteberg

Die Arbeit »Digitaler Postmaterialismus« geht der Frage nach, inwiefern die Digitalisierung, als Teil einer technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Beziehung der Menschen zu den Dingen verändert.

In einer theoretischen Auseinandersetzung wird versucht, die Rolle der Digitalisierung ausgehend von zwei Annahmen zu behandeln. Die erste Annahme  beschreibt das Phänomen, dass Konsumenten durch die Digitalisierung von Besitzern zu Benutzern werden. Was bei immateriellen Gütern wie Software, Musik oder Filmen bereits weitgehend der Fall ist, wirkt sich immer mehr auch auf materielle Güter wie Autos, Werkzeuge oder Kleidung aus. Die digitale Vernetzung ermöglicht es, nicht nur Daten und Information sondern auch Menschen, Ressourcen, Orte und Produkte untereinander zu verbinden.

Die zweite Annahme  geht von einer Entwicklung vom Materiellen zum Immateriellen aus. Diese findet wiederum auf zwei Ebenen statt. Einerseits dadurch, dass Inhalte und Funktionen auf materiellen Trägern und Maschinen durch digitale Inhalte und Geräte ersetzt werden. Andererseits bietet die Einbindung materieller Güter in digitale Netzwerke unterschiedliche Möglichkeiten, diese Güter intelligent und dynamisch zu verteilen. Dies führt im Endeffekt dazu, dass sich die Menge der materiellen Produkte durch die Digitalisierung reduziert.

Die beiden Annahmen werden in dieser Arbeit anhand vier unterschiedlicher Ansätze erläutert. Der erste Ansatz geht der Frage nach, wie immaterielle Güter im ökonomischen Sinne bewertet werden können und inwiefern sie sich diesbezüglich von materiellen Gütern unterscheiden. Anhaltspunkt für entsprechende Unterschiede bietet die Theorie vom Prinzip der Knappheit.

Der zweite Ansatz untersucht den Einfluss der Digitalisierung auf die Einstellung zu Konsum und Eigentum. Dieser Ansatz wird ausgehend von der Annahme behandelt, dass  der Zugang zu gewissen Produkten nicht mehr über Eigentumsverhältnisse, sondern über den Zugang zu digitalen Netzwerken organisiert und geregelt wird.

Der dritte Ansatz beschäftigt sich mit der Rolle des elektronischen Geräts innerhalb  der beschriebenen Entwicklung. Ihm kommt eine Sonderstellung zu, da es einerseits Inhalte und Funktionen materieller Träger ersetzt und außerdem den Zugang zu digitalen Netzwerken ermöglicht. Als Schnittstelle zwischen Menschen und digitalem Leben kommt ihm offensichtlich aus der Perspektive der Gestaltung ein besonderes Gewicht  zu.

Der vierte und letzte Teil behandelt die Verschiebung des gesellschaftlichen Lebens in ein digitales Umfeld. In Anbetracht dieser Verschiebung stellt sich die Frage, wie dadurch die Beziehung zwischen den Menschen und ihren Produkten und die Art und Weise wie sie sich über diese Produkte definieren, beeinflusst wird.

Der reflektierend-beschreibende Theorieteil dient nicht alleine der versuchten Darstellung eines Phänomens, sondern auch zur Inspiration, als Recherche und konzeptioneller Grundlage für den gestalterischen Teil dieser Arbeit.

Dort  wird in einem fiktiven Szenario der Frage nachgegangen, wie sich die Digitalisierung auf die Beziehung zwischen Staat und Bürger auswirken könnte.

Die Trennung von Funktion bzw. Inhalt und ihrem materiellen Träger führt auch dazu, dass politische und bürokratische Prozesse digitalisiert werden. Ausserdem können Bürger mithilfe digitaler Dienstleistungen am wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben eines Staates partizipieren, ohne sich dabei innerhalb des staatlichen Territoriums aufhalten zu müssen. Die Staaten werden in der Konsequenz auch zu digitalen Netzwerken.

An der Schnittstelle zwischen Bürger und staatlichen Territorien steht der Reisepass. Als funktionales Objekt regelt er  den Übertritt von staatlichen Grenzen. Als symbolisches Objekt dient er als weltweit anerkannte Konvention zur Identifikation eines Individuums und dessen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft in Form des Staates.

Bietet ein Staat nun digitalisierte Zugänge zu seinen Institutionen dient ein Pass nicht mehr  der Identifikation beim  Überschreiten von physischen Grenzen , sondern als Schlüssel zur  Nutzung von staatlichen virtuellen Netzwerken. 

Entstanden sind ein Deutscher und ein Schweizer Pass, sowie ein US-Amerikanisches Visum. Die Pässe bestehen aus jeweils zwei Modulen, die über ein mechanisches System miteinander verbunden werden können und zur Authentifizierung der Bürger gegenüber dem staatlichen Netzwerk dienen.

Zusätzliche Bedienelemente an den Passmodulen geben Aufschluss über die Rolle des jeweiligen Staates und dessen Beziehung zu den Bürgern. 

Dabei folgt die Gestaltung dieser Elemente dem Prinzip der semiotischen Referenzierung und  verweist dadurch auf gesellschaftliche Eigenheiten und die politische Kultur der Staaten. 

Innerhalb dieser Darstellung wird deutlich, wie sehr sich die Frage nach einer neuen Definition von Staatlichkeit und  Grenzen  stellt, wenn das Territoriale durch das Virtuelle beliebig überwunden werden kann.

Projektüberblick

Lehrende(r) / Projektleiter(in)

Beteiligte

  • Lino Teuteberg

Fachbereiche

Studiengänge

Projektzeitraum

  • 01.10.2012 - 01.03.2013
  • WiSe 2012/13

Projektdaten

  • Typ : Abschlussarbeit
  • Status : abgeschlossen