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Gründungsporträts – Erfolgreiche Start-Up-Geschichten aus Potsdam

Der Gründungsservice an der FH Potsdam hat bereits viele unterschiedliche Ideen unterstützt und auf dem Weg in die Selbständigkeit begleitet. Einige der inspirierenden Erfolgsgeschichten finden Sie hier.

FHPreneur*innen im Videoporträt

Mit Filmemacherin Johanna Pohland sind wunderbare Porträts unserer Gründer*innen entstanden, die zeigen, wie einzigartig jede Gründung ist, die aus der FH Potsdam heraus entstanden ist und von uns unterstützt wurde.

Interviews

Unsere Gründer*innen erzählen ihre Geschichte und untermalen einmal mehr, dass jede Gründung besonders ist.

Ende 2020 erhielten die drei Onboard-Gründer Henning R. Horstmann, Michael Dietz und Mischa J.P. Wasmuth die Förderzusage für ein EXIST-Gründerstipendium. EXIST unterstützt Studierende, Alumni oder Wissenschaftler*innen bei ihren innovativen technologieorientierten oder wissensbasierten Gründungsvorhaben. Ein Jahr lang erhalten die EXIST-Stipendiat*innen finanzielle Zuwendungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes in der Gründungsphase sowie für gründungsrelevante materielle Ausgaben und unterstützendes Coaching.

Onboard - das ist ein Virtual-Reality Prototyping-Werkzeug für die kollaborative Konzeption von Räumen. Das Tool schafft mit einer virtuellen Umgebung die perfekten Rahmenbedingungen, um Räume schnell und iterativ „an Bord“ zu gestalten und um Ideen früh und unkompliziert auszuprobieren. Rohbau-Daten werden durch Onboard zu einem virtuell erfahrbaren, lebensgroßen Entwurfskontext, in dem Ideen wie in einer Modellbauwerkstatt modelliert, skizziert und validiert werden. Wir haben nachgefragt, wie es bei den Gründern seit der EXIST-Bewilligung läuft:

Ihr befindet euch im dritten Fördermonat eures Stipendiums, wie geht es euch damit?

Michael & Henning:
Uns geht es sehr gut damit! Wir sind im Dezember mit unserem neuen Entwickler Mischa in das EXIST-Jahr gestartet und er sorgt dafür, dass es mit dem Produkt ordentlich voran geht. Nachdem wir 2020 viel Zeit damit verbracht haben, Gelder für unser Vorhaben zu akquirieren, fühlt es sich jetzt richtig gut an, die Pläne in die Tat umzusetzen. Die ersten zwei Monate konnte Mischa sich in den Code von Onboard einarbeiten und viele Grundlagen schaffen, während wir uns auf Business-Themen wie die Budgetplanung oder die Gründung einer GmbH konzentrierten. Diese Themen sind zwar neu und spannend für uns, jedoch freuen wir uns jetzt auch auf die kommenden Monate, in denen wir gemeinsam an Onboard arbeiten.

Wie weit seid ihr mit eurem Businessplan?

Michael & Henning:
Zum Umfang der Bewerbung um die EXIST-Förderung gehört das sogenannte Ideenpapier. Das ist so etwas wie ein kleiner Businessplan, den wir mit der Zeit weiterentwickeln. Wir haben schon einen guten Stand, aber bis zum entsprechenden Meilenstein Ende Juni – das EXIST-Förderprogramm fordert nämlich einen Businessplan ein – werden wir noch einige Themen hinzufügen und andere weiter ausgestalten. Ein Beispiel ist die Finanzplanung: Hier nehmen wir an den Stellen Coachings wahr, an denen es uns an Expertise fehlt. Diese Weiterbildungen werden durch das Coachingbudget der Förderung abgedeckt.

Was sind die nächsten Schritte?

Michael & Henning:
Nachdem wir unzählige Gespräche mit interessierten Pilotkunden hatten und viel positives Feedback für unseren Onboard-Ideenprototypen erhielten, ist der nächste Schritt ganz klar die Umsetzung eines funktionierenden Minimalprodukts. Diese erste Version werden wir in Workshop-Formaten mit den Pilotkunden testen, um schon bald den Kreis der Onboard-Testnutzer zu erweitern. Wir wollen den Förderzeitraum so intensiv wie nur möglich für die Produktentwicklung nutzen, um zeitnah Erfolge nachweisen zu können und eine Anschlussfinanzierung sicherzustellen. Wir behandeln mit Onboard ein Deeptech-Thema, das eine längere "Startbahn" benötigt, um rentabel zu werden. Die Entwicklung ist besonders am Anfang sehr komplex und benötigt viel Zeit und Energie. Andere Startups mit klassischen Apps haben es da leichter, aber wir sind überzeugt davon, dass sich die Mühe lohnen wird!

Wo wollt ihr in einem Jahr stehen?

Michael & Henning:
In einem Jahr haben wir grundsätzliche Ideen unseres Produkts umgesetzt und Fallbeispiele in Workshops gesammelt, die wir vorstellen können. Außerdem haben wir in einem Jahr die Learnings aus den Testläufen für einen breiteren Release der Anwendung aufgearbeitet. Natürlich hoffen wir, dass wir zu diesem Zeitpunkt bereits mehr Geld für die Vergrößerung des Teams einsammeln konnten und wir ein Budget für Marketing und öffentliche Auftritte haben. In einem Jahr wollen wir also mit einem funktionierenden Produkt und einem wachsenden Team auf einer Bühne stehen. Wenn Corona uns lässt ...

Apropos Corona: Ist Onboard geeignet für Firmen, um trotzdem im Team zusammenzuarbeiten?

Michael & Henning:
Ja, absolut! Im Business-Kontext sind wir nicht die ersten, die Kollaboration über Virtual Reality anbieten. Einige Firmen setzen ganze Veranstaltungen oder Bürosituationen in VR um, aber das ist nicht unser Fokus. Wir denken, dass VR für diese Einsatzzwecke bisher noch zu anstrengend ist. Onboard ist als Prototyping-Werkzeug daher auch eher für Kreativsessions von einer Stunde ausgelegt. Wir sehen den Wert besonders darin, mit Kollegen und Kunden am anderen Ende der Welt an einem Raumkonzept zu arbeiten, ohne dafür in ein (physisches) Flugzeug steigen zu müssen. So können alle Beteiligten die Änderungen am Raumgefühl live wie in einem echten 1:1-Modell erleben. Das ist mit Desktop-Werkzeugen einfach nicht möglich! Wäre Virtual Reality in Privathaushalten bereits präsenter, hätte das Medium durch Corona wahrscheinlich einen riesigen Schub erfahren. Durch Lieferengpässe bei Hardware-Herstellern und noch recht wenig ausgereifte Software auf dem Markt waren VR-Tools jedoch nicht besonders verbreitet in der kontaktlosen Zusammenarbeit. Um Zoom & Co. kommen also auch wir leider nicht herum ... noch nicht!

Welche Unterstützung erhaltet ihr außerdem?

Michael & Henning:
Wir erhalten Unterstützung in vielen Bereichen. Juristisch gibt es so einige Fragen zu klären und unternehmerisch lassen wir uns intensiv schulen. Da wir beide einen Design-Hintergrund haben und keine Betriebswirte sind, lassen wir uns hier gerne helfen. Wir haben früh gelernt, lieber einmal mehr einen Experten zu fragen, als alles selbst umsetzen zu wollen. So nehmen wir am meisten Erfahrung mit und sparen uns das Durchwühlen von Halbwissen per Google. Finanziell erhalten wir außerdem bald Unterstützung von Epic Games. Dazu können wir aber erst im nächsten Interview mehr erzählen!
Auch vom FHP Gründungsservice erhalten wir viel Unterstützung. Anke Lüers-Salzmann ist für uns ein Engel! Das EXIST-Förderprogramm wirft so einige bürokratische Hürden auf, aber Anke zeigt uns den Weg und packt mit an. Außerdem hat sie uns zu Beginn Dr. Liv Kirsten Jacobsen empfohlen, die uns zum Ideenpapier beraten hat und uns laufend in vielen Themen zu Klarheit verhilft. An dieser Stelle: Vielen Dank an unsere Unterstützer! (Gespräch von Februar 2021 - Anne Timm)

Jennifer Tix ist Gründerin des Berliner Unternehmens Großstadtzoo: Ein Studio für Gestaltung - spezialisiert auf Corporate Branding, Grafik, Editorial Design sowie Illustration. Zuvor arbeitete Jennifer in einer Agentur, später als Freiberuflerin – teilweise gleichzeitig. 2017 gründete sie ihr eigenes Unternehmen – unter anderem mithilfe des FHP Gründungsservice. Entstanden ist daraus im Laufe der Jahre ein kreatives Netzwerk, dem Nachhaltigkeit und wertschätzendes Arbeiten wichtiger ist als der bloße Dienstleistungsgedanke.

Warum hast du dich letztendlich für diesen Weg bis hin zur Unternehmensgründung entschieden?

Jennifer:
Noch zu Beginn meines Berufslebens hätte ich mir den Schritt in die Selbstständigkeit weder zugetraut, noch gedacht, dass ich überhaupt der Typ dafür bin. Ich liebe Sicherheit, die ich nicht als erstes mit der Selbstständigkeit verbinde. Ich war viele Jahre Teil einer Agentur – als Praktikantin, Auszubildende und studentische Hilfskraft. Ich bin fest davon ausgegangen, übernommen zu werden. Und ich habe diesen Weg auch gar nicht hinterfragt. Doch es kam ganz anders. Es gab wider Erwarten kein Angebot für eine Festanstellung.

In diesem Moment habe ich wohl das erste Mal ernsthaft darüber nachgedacht, wie ich gerne arbeite, woran ich gerne arbeite, was meine Stärken sind, was mir vielleicht gefehlt hat und was ich eigentlich will. Für ein paar Monate war ich noch in einer anderen Agentur tätig. Doch glücklich geworden bin ich dort nicht. Im Kopf war ich wohl einfach schon weg. Ich bin dem Impuls zu kündigen gefolgt und habe mich einfach beim Finanzamt selbstständig gemeldet.

Und wie kam es schließlich zu Großstadtzoo?

Jennifer:
In meinem Schritt heraus aus der Solo-Selbstständigkeit und hinein in die Firmengründung lag der Wunsch, etwas aufzubauen, das bleibt. Es ist eine Chance etwas weiterzugeben und Verantwortung für mich selbst und andere zu übernehmen, als Team zu gestalten und zu wachsen, auszubilden, selbstbestimmt zu agieren, ganzheitliche Verantwortung für Projekte zu übernehmen und Feedback sowie Wertschätzung für die eigene Leistung zu erfahren.

Ihr habt Großstadtzoo damals als Team gegründet. Wie kam es dazu?

Jennifer:
In den Jahren zuvor war ich Solo-Selbstständige. Doch ich bekam Sehnsucht nach Teamarbeit und Austausch. Ich habe mit zwei Kommilitoninnen und Freundinnen während meines Masterstudiums gegründet. Wir wollten neue Wege gehen, unser Arbeitsumfeld selbst gestalten, Dinge verändern. Für mich war es in erster Linie eine Chance, zu wachsen – persönlich und beruflich. Für meine beiden Mitstreiterinnen ein Sprung ins kalte Wasser, raus aus einem unbefristeten Arbeitsverhältnis. Aber auch raus aus Strukturen, die sich nicht ändern ließen.

Welche Unterstützung hattet ihr dabei?

Jennifer:
Ohne die Förderung durch die Fachhochschule Potsdam bzw. durch das Programm des FHP Gründungsservice wären wir den Schritt vermutlich nie gegangen. Es hat uns den nötigen Raum, die Zeit und das Knowhow geschenkt. Wir bekamen Rechtsberatung, ein Training in Betriebswirtschaft und ein Coaching für die Teambildung. Nach einem Jahr standen ein umfangreicher und gut durchdachter Businessplan, ein kleiner Testkunde und viele gute Ideen (manche liegen noch heute in der Schublade). Mentale Unterstützung gab es von Freunden und der Familie und erste Aufträge von meiner alten Agentur.

Wie viele Köpfe gehören mittlerweile zu Großstadtzoo?

Jennifer:
Nachdem 2019 meine Mitgründerinnen ausgestiegen sind, habe ich 2020 neu begonnen. Im Moment sind wir zu dritt. Klaus, ein langjähriger Kollege und Illustrator, Janina als Praktikantin bzw. freie Mitarbeiterin und ich als Gründerin. Gerne wollen wir das Team in diesem Jahr um eine vierte „feste“ Person erweitern. Langfristig ist es das Ziel, mit dem Großstadtzoo ein Zuhause (Kollektiv) für eine Vielzahl von Freiberufler*innen zu sein. Durch ein gutes Netzwerk formt sich schon heute je nach Projekt ein individuelles Team aus Grafik, Text, Programmierung und vielem mehr.

Wie bekommt ihr eure Aufträge/Projekte? 

Jennifer:
Wir haben einen kleinen Pool an Stammkund*innen. Der Rest ist Projektgeschäft. Wie viele Branchen leben auch wir von Empfehlungen. Dank zufriedener Kund*innen werden wir in der Regel angefragt. Das ist eine sehr komfortable Situation. Mit befreundeten Agenturen stemmen wir größere Projekte und nehmen an Ausschreibungen teil. Aber natürlich pflegen wir auch unser Netzwerk und betreiben in kleinem Maße Kalt-Akquise.

Lehnt ihr auch Aufträge ab, wenn ja, warum?

Jennifer:
Ja, wir lehnen auch Aufträge ab. Das kann z. B. inhaltlich begründet sein – also Projekte die wir nicht vertreten können, weil sie nicht mit unseren Werten übereinstimmen. Oder wir haben sehr unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Konzeption, Umsetzung, Zeitplanung oder des Budgets. Uns ist auch wichtig, als Partner*in wahrgenommen zu werden, nicht als ausführende*r Dienstleister*in. Und da hilft es, stärker auf sein Bauchgefühl zu hören. Es gibt potenzielle Kund*innen, mit denen man einfach nicht so richtig warm wird. Wenn das Bauchgefühl sagt, „Lass die Finger davon“, dann lassen wir die Finger davon. Sonst wird am Ende niemand glücklich.

Wie meisterst du deinen Arbeitsalltag als Unternehmensmanagerin und das Privatleben mit Familie und Co.?

Jennifer:
Es gibt Dinge, die sind heilig, daran ändert auch das eigene Unternehmen nichts. Ob freiberuflich oder angestellt – alles steht und fällt mit einer guten Organisation. Dennoch, in Hochphasen kommt das Privatleben manchmal etwas zu kurz. Andererseits ermöglicht die Selbstständigkeit auch Freiräume, die besondere Qualitäten haben. Wenn ich Dinge mit nach Hause nehme, dann liegt das nicht an der Freiberuflichkeit, sondern daran, dass ich meinen Beruf so liebe und ihn mit viel Engagement ausfülle und lebe.

Habt ihr Regelmäßig Praktikant*innen wie Janina? Ist eine Übernahme im Anschluss eine Option?

Jennifer:
Janina war unsere erste Praktikantin. Sie soll aber auf keinen Fall die letzte sein. Zudem habe ich 2019 meinen Ausbilderschein gemacht und möchte im Großstadtzoo ausbilden, sobald wir die personellen Kapazitäten dafür haben. Wir sind aber noch ein kleines Team und nehmen daher erst einmal nur Praktikantinnen und Praktikanten, die bereits das Grundstudium oder eine Ausbildung abgeschlossen haben. Grundsätzlich ist es sehr wünschenswert, Praktikant*innen oder studentische Hilfskräfte auch zu übernehmen. Da Janina selbst bereits mit einer Freundin und Kommilitonin gegründet hat*, ist das in diesem Falle nicht möglich. Wir freuen uns aber, dass sie uns nach dem Praktikum als freie Mitarbeiterin noch ein wenig erhalten bleibt. (Gespräch im März 2021 - Anne Timm)

*Janina ist Studentin der FHP, arbeitet bereits als Selbstständige und hat nun ihr eigenes Unternehmen sojadesign gegründet.

Martin Lexow studierte Design an der FH Potsdam, 2015 machte er sich mit Unterstützung des FHP Gründungsservice mit seiner Software-Firma IXEAU selbstständig. Spezialisiert ist er dabei auf das Designen und Entwickeln von Apps, die sich auf Apple Betriebssysteme konzentrieren. Dabei betont er stets, dass seine Produkte sorgfältig entwickelt und ehrlich gestaltet sind.

Verantwortung ist ein wichtiger Begriff für den Interface Designer und Programmierer Martin Lexow. Auf seiner Website bezeichnet er sich selbst als Software Auteur. Den Begriff Auteur aus der (französischen) Filmtheorie wählte er nicht nur, weil er ein unbestreitbares Faible (und Talent) für Filmproduktion hat, sondern auch, um die künstlerische Verantwortung der Designer*innen zu betonen. Seine ganzheitliche Betrachtungsweise zur „Haltung im Design“ und Verpflichtung gegenüber dem Nutzer*innen(verhalten) wird besonders beim Hören seines Podcasts Design Therapy mit Kollege Jannis Riethmüller und Gästen deutlich.

Als verantwortungsvoller Designer ist ihm der Wissensaustausch sehr wichtig. Seine Erfahrungswerte teilt er nicht nur in seinem YouTube Kanal mit 6080 Abonnent*innen und steht als externer Berater für Produktentwicklungen zur Verfügung - seit 2019 unterrichtet er zudem Software Design & Programmierung an der Fachhochschule Potsdam. Seine Follower*innen, Geschäftsfreund*innen und Studierenden loben die stete Qualität und Hochwertigkeit seiner Arbeit. Höchste Zeit, mit dem erfolgreichen Gründer ins Gespräch zu kommen:

Was hat sich seit deiner Gründung getan?

Die Selbstständigkeit, die zu Beginn lediglich eine Nebenbeschäftigung mit unsicherem Ausgang war, hat sich zu einem erfüllenden Vollzeitjob entpuppt. Ich entwickle Apps nach eigenem Gusto und muss keine Auftragsarbeiten annehmen. Das ermöglicht viele Freiheiten. Meine Firmengründung war dabei der treibende Grund, weshalb ich neben dem Design-Studium überhaupt Programmieren lernte. Ich wollte in meinen Entscheidungen soweit es geht unabhängig bleiben und folgte dabei dem Gedanken von Dieter Rams, der sagte, wir sollten »Gestalt-Ingenieure« sein. Er meinte damit, dass auch Gestaltende ein tiefes Verständnis für Technik benötigen. Dieses Vereinen von Design und Code ist einer der zentralen Gründe, weshalb die Firma erfolgreich ist.

Hättest du gedacht, dass es sich so entwickelt?

Ich empfinde große Dankbarkeit darüber, dass sich alles gut entwickelt hat. Vorhersehen konnte ich dies nicht. Eine Gründung fordert dich gerade zu Beginn auf so vielen völlig neuen Ebenen, da bleibt wenig Luft, lange in die Zukunft zu planen. Hinzu kommen die vielen Variablen, die Vorhersagen immer schwierig machen. Auch heute noch konzentriere ich mich vor allem darauf, möglichst gute Arbeit in diesem Moment abzuliefern. Natürlich verknüpfe ich mit jeder neuen App-Entwicklung auch bestimmte Hoffnungen, aber ich mache mich frei von Forecasts und glaube daran, dass sich die wirklich guten Problemlösungen (in meinen Märkten) immer durchsetzen werden.

Wie hat dich der Gründungsservice bei deinem Gründungsvorhaben unterstützt?

Der Gründungsservice war meine erste Anlaufstelle vor der Gründung. Anke Lüers-Salzmann war eine unverzichtbare Unterstützung: Sie beantwortete ganz unkompliziert viele meiner offenen Fragen und bot in zahlreiche Richtungen ihre Hilfe an. Ich belegte einige wertvolle Seminare des Gründungsservices, darunter »Wie man eine Agentur gründet«, einen Startup-Kurs mit Enrico Sass sowie einen Workshop zu rechtlichen Themen. Auch in Fragen von Förderungen und Stipendien fühlte ich mich gut aufgehoben.

Welche Hürden gab/gibt es als Firmengründer?

Es gibt Apps, die ich nie veröffentlichen konnte, da sie es nicht durch den Freigabe-Prozess im App Store geschafft haben. Es schleichen sich Bugs ein, die nur schwer behoben werden können, weil die einzig verfügbaren Frameworks nicht zuverlässig sind. Und dann das zuweilen vernichtende Feedback der Nutzenden, die ihren Unmut in 1-Sterne-Rezensionen kundgeben. Rückschläge solcher Art kommen immer wieder. Sie trafen mich vor allem zu Beginn oft auch persönlich.

Wie sind deine Pläne für die Zukunft?

Auch hier gilt: Meine Gedanken kreisen vor allem um mein aktuelles Projekt. In zwei Wochen veröffentliche ich meine nächste App* und bereite gerade alles für den Launch vor. Diese Tage, in denen ein Werk endlich sein Publikum findet, gehören zu den schönsten Erlebnissen in meiner Selbstständigkeit - sie werden nie langweilig. (Gespräch von Juli 2021 - Anne Timm)

*Anm.de.Red.: App mittlerweile gelauncht.

Die Design-Alumna Yasmina Aust ist erfolgreiche Fotografin in ihrer Wahlheimat Potsdam, doch ihr Weg dahin war steinig. Man könnte auch sagen „Wow, was für eine Story!“ Eine inspirierende Gründungsgeschichte, die Mut macht, seinen eigenen Instinkten zu trauen und davon erzählt, dass Soloselbstständigkeit nicht automatisch bedeutet, auf Rat und Hilfe zu verzichten.

Wann hast du dich dazu entschieden, Fotografin zu werden?

Tatsächlich war es schon früh mit 11 mein dringlichster Wunsch, später Fotodesign zu studieren. Am Ende habe ich tatsächlich Design studiert und nebenbei meine Selbstständigkeit als Fotografin begonnen. Der Weg dahin war jedoch keinesfalls so einfach. Mein Vater hat damals viel Energie darauf verwendet, mir diese Idee, für die ich komplett brannte, mit zum Teil sehr verletzenden Kommentaren auszureden. Natürlich sind die Eltern große Bezugspersonen und so habe ich mich seinem Urteil letztendlich gebeugt und diese Zukunftsvision begraben.

Nach einer Ausbildung als Marketingkommunikationskauffrau, war ich viele Jahre erstmal ganz schön ziellos und habe in wirklich allen möglichen Bereichen gearbeitet: Von Empfangsdame, über Schuh- und Schmuckverkäuferin, bis Promotiongirl, die an Leute Flyer verteilt, die keine Flyer möchten oder Captain Morgan in schäbigen Diskotheken promotet. Erst der recht schicksalshafte Beginn meines Studiums an der Fachhochschule Potsdam gab meinem Leben eine erste wage Struktur. Schicksalshaft deswegen, weil ich durch meinen damaligen Abiabbruch eigentlich hätte gar nicht studieren dürfen. Dennoch blätterte ich in einem Anflug von Langeweile eines Tages in einem Buch „Studieren von A-Z“ vom Arbeitsamt und traf auf diesen Studiengang und fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Als ich dann noch erfuhr, dass man durchaus mit besonderer Eignung studieren könnte, war mein Ehrgeiz absolut geweckt und am Ende konnte ich mich tatsächlich unter den Bewerber*innen behaupten.

Um mein Bafög etwas aufzustocken, arbeitete ich an der Kasse einer Drogerie und war dort absolut unglücklich. Zudem starb mein erster eigener Hund, den ich damals bereits im hohen Alter aus dem Tierheim holte. So suchte ich nach Lösungen, mein Leben lebenswerter zu machen. Also bot ich bei Ebay Kleinanzeigen einen Gassigehservice an und lud ein Foto meines verstorbenen Hundes hoch. Direkt am zweiten Tag wurde ich gefragt, wer das Foto geschossen hatte. Wenig später hatte ich dank immenser Überzeugungsarbeit seinerseits mein erstes Shooting für 50 €. Mein Kunde erkannte mein Talent und blieb dran: „Mach eine Facebook Seite und lad da fünf Fotos von dir hoch. Dann wirst du sehen…“ Seine Worte sollten Recht behalten und so folgte ein beinahe absurder Raketenstart, bei dem ich quasi über Nacht überrannt wurde. Nach drei Wochen kündigte ich meinen Nebenjob an der Kasse, stampfte Visitenkarten und Website aus dem Boden und war nur noch mit meiner Kamera auf Achse.

Diesem Menschen habe ich im Prinzip alles zu verdanken und ich habe ihm unter Tränen einen Dankesbrief vorgelesen. Er hat jederzeit Zugang zu kostenlosen Fotos, was er bescheidener Weise in all den Jahren noch nicht ein einziges Mal in Anspruch genommen hat.

Professionelle Fotografie ist ein hart umkämpfter Markt – wie sehr spürst du die Konkurrenz?

In meiner Anfängerphase lernte ich eine Fotografin kennen, die mich als Freundin viel an die Hand nahm und mir einige wertvolle Tipps rund um die Fotografie gab. Zugegeben, ich war extrem skeptisch und mir nicht sicher, wie richtig das alles ist, was sie mir sagt, und befürchtete gar, dass sie mich am Ende nur aufs Ohr hauen wird. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass alles so seine Richtigkeit hatte und so lernte ich nicht nur diese Dinge, sondern viel über wertvolle Zwischenmenschlichkeit und die Kraft gegenseitiger Unterstützung. Ich weiß mittlerweile, dass man zusammen viel mehr erreichen kann als im Alleingang. So ist man immer im Austausch und lernt voneinander. Auch springt vielleicht mal ein*e Kolleg*in spontan für dich ein, wenn du krank bist oder hilft dir bei technischen Fragen.

Des Weiteren ist Fotografie ja nicht gleich Fotografie. Jedes Foto, was jemals geschossen wurde, ist auch immer ein Einblick in die Seele, in die Vergangenheit, Sehnsüchte, Ängste und Stärken des/der Fotografierenden. Du könntest das gleiche Setting zur gleichen Tages- und Jahreszeit mit den absolut gleichen Menschen und Momenten haben und dennoch würden immer ganz andere Fotos dabei entstehen. Weil jede*r die Dinge anders sieht und anders einfängt. Daher hat jede*r einen ganz eigenen Kund*innenstamm und keine*r kommt sich großartig in die Quere. Zudem gibt es meiner Meinung dank Social Media und Co. eine enorm hohe Nachfrage. So muss kein Talent am Ende leer ausgehen. Diese Einstellung und mein Knowhow gebe ich gerne weiter und daher ist das Veranstalten von Workshops und Coachings für junge Neu-Fotograf*innen eines der Dinge, die ich gerade sehr häufig mache. Diese Tür hätte sich mir nie geöffnet, würde ich die Angelegenheit unter Konkurrenz verbuchen. Good for me - good for them.

Was glaubst du, macht gerade dich so erfolgreich?

Ich denke, was mich so erfolgreich macht, ist vorrangig mein enormer Ehrgeiz, der aus meiner Vergangenheitsgeschichte resultiert. Jedes Shooting, jedes dankbare Kund*innenfeedback, was ich erhalte, heilt ein bisschen alte Wunden und bestärkt mich darin, dass mein Vater damals einfach nicht Recht hatte. Ich habe mich mittlerweile davon frei machen können, was andere von mir denken. Ich erkenne, sehe und empfinde meinen Wert und das ist wohl eins der berührendsten Dinge, was mir in den letzten Jahren passiert ist. Was auch immer jemand über mich sagt - ich weiß für mich, dass ich immer versuche mein Bestes zu geben und nur das zählt mittlerweile für mich.

Klar spielen auch meine Lebensumstände eine Rolle: Ich habe keinen Partner oder Familie und kann mich voll und ganz auf meinen Job konzentrieren. Dadurch habe ich natürlich mehr Möglichkeiten, mich fest zu etablieren, als viele meiner Kolleg*innen, die für noch so vieles andere im Leben zuständig sind.

Ein weiterer Punkt ist mein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Sicherheit, die in der Selbstständigkeit naturgemäß quasi nicht vorhanden ist. Da ich in ziemlich armen Verhältnissen groß geworden bin, weiß ich finanzielle Sicherheit und Essen im Kühlschrank sehr zu schätzen. Und dabei weiß man nie, wann es „genügend“ Geld ist. Angesichts eines möglichen Knochenbruchs, einer Krankheit oder der Rente am Ende und dazu parallel keine Familie oder Partner, die mich ggf. auffangen könnten, fühle ich mich stets rastlos und getrieben. Meine eigenen Grenzen zu respektieren, die ich beinahe zwanghaft überschreite, muss ich noch dringend lernen. Aber alles ist im Prozess. Immer.

Neben diesen pragmatischen Fakten habe ich aber wohl auch ein ganz gutes Gefühl für Menschen, Farben, Formen, Licht und Momente, was den Fotoergebnissen natürlich zugute kommt.

Als Selbstständige hast du also viel Verantwortung und wenig Zeit, trotzdem war das der einzig richtige Weg für dich?

Das ist so, wie mit dem Kinderkriegen - man kann ja gar nicht wissen, wie es ist, bevor man nicht wirklich welche hat. Und so ist das auch mit der Selbstständigkeit. Zudem war es ja kein wirklich bewusstes Entscheiden, sondern geradezu ein reingeschubst werden. Es ist eher eine vage Vorstellung. Man wird nie nachvollziehen können, wie man einfach im Kopf niemals Feierabend hat, wie man wochenlang die Nächte durchmachen muss, um nur mal für ein paar Tage in den Urlaub zu fahren. Man ist eine komplett vollständige Firma, mit all seinen diversen Abteilungen, in nur einer einzigen Person. Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte, wenn ich in diese Gefühlswelt einmal so ganz authentisch hätte reinschnuppern können, aber ich kann auch ganz klar sagen: Was anderes kann ich mir einfach überhaupt nicht mehr vorstellen und ich denke, ich werde mein ganzes Leben weiter selbstständig sein. In welcher Form auch immer.

Du würdest also nichts anders machen, wenn du die Zeit zurückspulen könntest?

Definitiv: Nein! Am Ende war jedes auf-die-Nase fallen von großer Wichtigkeit für das große Ganze. Ich wäre nicht da, wo ich bin, wenn mich die Dinge nicht geschliffen hätten. Auch wenn vieles natürlich in dem Moment oft schmerzhaft oder teilweise einfach nur dumm war.

Welchen Ausgleich hast du, der dir gerade in besonders stressigen Zeiten weiterhilft?

In besonders stressigen Zeiten habe ich tatsächlich einfach keine Zeit für einen Ausgleich. Da arbeite ich gefühlt rund um die Uhr - selbst beim Fernsehen gucken oder Gassigehen beantworte ich Nachrichten auf Social Media, checke E-Mails oder plane Beiträge etc. Auch im Bett gehe ich gedanklich oder am Handy durch, was ich morgen machen muss oder was ich nicht vergessen darf.

Meine einzige Ruhe-Oase sind lediglich die warmen, liebevollen und niedlichen Knopfäuglein meines Hundes Fridolin. Daraus schöpfe ich sehr viel Kraft! Wenn es jedoch „ nur" stressig-stressig und nicht besonders-stressig ist, dann nutze ich selbst eine kleine kurze Mittagspause, um mit meinem ausgebauten Kombi in die Natur zu fahren. Dort gehe ich spazieren oder liege in meinem Kofferraum und lese ein Buch, während mein Hund derweil im Feld herumläuft. Mein Auto ist mein Inbegriff von Freiheit und Alltagsflucht. Hier kann ich jederzeit aufbrechen und alles hinter mir lassen. Zumindest physisch, die Gedanken kommen natürlich jedoch oft mit. (Gespräch von Oktober 2021 - Anne Timm)

 

25 Gründer-Alumni

25 Jahre FH Potsdam haben viele Gründungen hervorgebracht. In einer Wanderausstellung anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Fachhochschule wurden 25 Gründer*innen aller Fachbereiche porträtiert und für den Katalog zu ihren Gründungen interviewt.

25 Gründer-Alumni der FH Potsdam