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Interview

Die Kultur der GoPro - Kurzinterview mit Prof. Winfried Gerling

Studium & Lehre
Vermummter Mann macht Selfie mit einer GoPro auf einem schneebedeckten Berg

Kleine robuste Action-Cams haben die Bedingungen des Bilder-Machens nachhaltig verändert und sind fester Bestandteil einer Lifestyle-Dokumentation insbesondere über Soziale Netzwerke geworden. Erstmals widmet sich ein Buch diesem Phänomen aus medienkulturwissenschaftlicher Perspektive. Ein Kurzinterview mit Prof. Winfried Gerling, Dozent der Europäischen Medienwissenschaft und Co-Autor des Buches „Versatile Camcorders - Looking at the GoPro-Movement“.

Wann und zu welchem Anlass hatten Sie zum ersten Mal eine Action-Cam in der Hand?

Mich interessieren besonders die mit Digitalität einhergehenden Veränderungen der Gebrauchsweisen von Fotografie. Da war das IPhone sicher die wirkmächtigste Neuentwicklung der letzten 15 Jahre, aber auch die GoPro hat eine eigene Kultur hervorgebracht. Da ich nicht zur Kernzielgruppe gehöre, war ich kein Early Adoptor: Das Surfen habe ich schon vor vielen Jahren aufgegeben und ich betreibe auch sonst keinen Extremsport. Inzwischen wird die Kamera allerdings auch für Familienväter beworben... Eine GoPro hatte ich also aus professionellem Interesse zuerst 2012 in einem Fotofachgeschäft in der Hand. Gekauft habe ich sie vor ca. 6 Jahren, um bei einer Reise durch Alaska ihre Möglichkeiten zu testen. Dort habe ich dann hauptsächlich Time-Lapse Aufnahmen der zurückgelegten Wege gemacht, aber sonst eher mit herkömmlichem Equipment fotografiert.

Kompakte Kameras gab es auch in den vorherigen Jahrzehnten für Privatkunden in den verschiedensten Formen. Warum hat sich die Nutzung in der Breite jetzt erst durchgesetzt?

Analoge Kompaktkameras gibt es seit 1924 und sie haben immer ein wichtiges fotografisches Segment besetzt. In der Masse hat sich in den letzten Jahren aber eher die Nutzung des Smartphones durchgesetzt als die der Kompaktkamera. Im Moment wird der allergrößte Anteil fotografischer Sensoren in Smartphones verbaut. Alles andere wird immer mehr zu Special Interest. Die GoPro hat es allerdings geschafft, ein sehr eigenes Segment – sportliche Action – zu entwickeln und zu besetzen und ist deshalb auch lange Zeit so erfolgreich gewesen. Die Action-Cam ist keine Kompaktkamera im eigentlichen Sinn. Sie ist kleiner und war zu Beginn so konstruiert, dass sie weder Sucher noch Display hatte. Damit war sie klar daraufhin konzipiert, am Körper oder am Sportgerät getragen zu werden und den Aufnahmeprozess an die Kamera zu delegieren: Ich lege die Kamera an und vergesse sie... Die Kamera hat viele Aufnahmeprozesse automatisiert von der Bearbeitung bis hin zum Streamen von Bildern und Videos. Inzwischen können ihr sogar Sprachbefehle erteilt werden. Die Robustheit, Einfachheit und Automation in verschiedensten Anwendungszusammenhängen waren sicher Grund des großen Erfolgs.

Sie sprechen in dem Buch von einer „aus Körper und Apparat gemeinsam agierende Einheit“. Sehen Sie das Phänomen als Vorbote von zunehmender Mensch-Maschinen-Interaktion?

Der an den Körper gebundene Apparat erzeugt ein Verhalten mit ihm, das in besonderer Weise durch ihn geprägt ist. Einerseits ist die Kamera an den Körper und seine Aktionen gekoppelt, andererseits die Bildproduktion und Distribution tendenziell vom Mensch entkoppelt. Ich sehe das eher als eine Form der Interaktion von Software, Hardware, Netzwerk, Community und Fotograf*in. Die Bedingung dafür sind digitale Umgebungen. Mensch-Maschine Interaktion fasst dieses komplexe Verhältnis nicht mehr. So ist diese Kamera ein aufschlussreiches Beispiel für ein Zusammenwirken von Nutzer*innen, Technologien (Hardware/Software/Netzwerk) – und Community (soziale Netzwerke/Youtube) und wie sich diese gegenseitig ästhetisch, sozial und technisch bedingen, beeinflussen und weiterentwickeln. Hier wird nicht einfach eine Kamera bedient, auch die Kamera bzw. deren technologische Einbettung agieren.

Mit Action-Cams eng verbunden ist die Weitwinkel-Ästhetik des Bildmaterials. Welche Auswirkungen hat das auf die Medien, die mit solchen Kameras produziert werden?

Die Ästhetik des Weitwinkels erzeugt panoramatische Erhabenheit und einen involvierenden Sog. Aber entscheidender scheint mir die Perspektive der Kamera, die oftmals nicht den Blick des Menschen substituiert, sondern an den jeweiligen Körper oder Gerät gebunden als eigenständig angesehen werden muss. Die Kamera teilt zwar den selben Raum wie die Akteur*innen, sie zeigt aber meist nicht deren Perspektive. Die so geschaffenen Medien wirken dann eher als wäre die/der Rezipient*in ein/e Begleiter*in der Aktion. Diese Medien sollem ein Gefühl des Dabei-Seins erzeugen.

Zum Autor

Prof. Winfried Gerling ist Professor für Konzeption und Ästhetik der Neuen Medien im Fachbereich Design an der Fachhochschule Potsdam. Seit 2000 lehrt er im Studiengang Europäische Medienwissenschaft, ein Gemeinschaftsprojekt mit der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Theorie und Praxis der Fotografie, digitale Ästhetik und mediale Umgebungen. Er ist Mitglied des Forschungskollegs „SENSING: Zum Wissen sensibler Medien“ und im Direktorium des Brandenburgischen Zentrums für Medienwissenschaft, ZeM. Weitere Infos unter: http://gerling.emw-potsdam.de.

Das Interview führte Erik Reinholz-Ruthenberg, Stabsstelle Hochschulkommunikation.

Kontakt

Prof. Winfried Gerling
Professor für Konzeption und Ästhetik der Neuen Medien
Steffi Brune
Leiterin Presse & Wissenschaftskommunikation
Pressesprecherin