04. Berichte
Hochschule und Praxis im Dialog – ein gelungenes Beispiel: Die Fachtagung zur Soziokultur
Am 10.12.2009 führte das Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft Bonn in Kooperation mit dem Studiengang Kulturarbeit der FHP an unserer Hochschule eine Fachkonferenz durch. Unter dem Titel „Ist Soziokultur lehrbar? Anforderungen aus der Praxis und Qualifikationsangebote kulturvermittelnder Studiengänge“ trafen sich im großen Hörsaal des Hauptgebäudes in der Pappelallee Mitarbeiter/innen soziokultureller Zentren aus dem gesamten Bundesgebiet, um mit Vertreter/innen einschlägiger Studiengänge die Ergebnisse einer aktuellen Studie zu diskutieren.
In der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., die an der Erstellung der Studie und Gestaltung der Tagung beteiligt war, haben sich etwa 500 Einrichtungen und Initiativen zusammen geschlossen. Sie bilden den Kern des kulturellen Praxisfeldes »Soziokultur«, zu dem auch vergleichbare Einrichtungen wie kommunale Bürgerhäuser und Stadtteilzentren, Kulturhäuser und soziokulturelle Initiativen gehören. Das Praxisfeld hat sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt und professionalisiert. Damit sind auch die Ansprüche an die dort tätigen Akteure gestiegen. Gleichzeitig ist eine Fülle von Studienangeboten entstanden mit dem Ziel, für das komplexe Praxisfeld der »Kulturarbeit« zu qualifizieren.
Die Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« des Deutschen Bundestages empfiehlt in ihrem Abschlussbericht, »in einem Pilotprojekt die Arbeit und Wirkungsweise von soziokulturellen Zentren so zu evaluieren, dass daraus Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Studiengänge und Curricula in den Kulturwissenschaften gewonnen werden können«.
Das Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft hat vor diesem Hintergrund in Kooperation mit der Bundesvereinigung Soziokulturelle Zentren e.V. in einem Projekt in ausgewählten soziokulturellen Zentren deren Arbeitsweise, bezogen auf bisherige Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten, untersucht. Ziel war dabei die Gewinnung von Erkenntnissen für die Qualifizierungsangebote von kulturvermittelnden Studiengängen, um deren Curricula besser auf die Anforderungen im Arbeitsfeld »soziokulturelle Zentren« auszurichten.
Auf der Konferenz in Potsdam wurden die Ergebnisse der Studie präsentiert und zur Diskussion gestellt. Insgesamt waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 38 soziokulturellen Einrichtungen in qualitativen Interviews bundesweit befragt worden. Folgende Aspekte wurden in der Auswertung hervor gehoben:
1. Berufliche Qualifikation: Während ein großer Teil der Mitarbeiter/innen in den Einrichtungen über eine akademische Qualifikation (Universität oder FH) verfügt, gibt es eine große Vielfalt in Bezug auf die studierten Fächer und Disziplinen. Es dominieren in dem Berufsfeld die Ausbildungen zum/zur Sozialpädagogen/in bzw. Lehrer/in. Insgesamt sind in dem Feld nach wie vor sehr viele „Quereinsteiger“ tätig. Das soziokulturelle Arbeitsfeld war in den letzten Jahrzehnten auch ein „Auffangbecken“ für Pädagog/innen und Geisteswissenschaftler/innen, die keinen Zugang zum „klassischen“ bzw. berufsspezifischen Arbeitsmarkt fanden.
2. Grad der Spezialisierung: Aufgrund der geringen finanziellen Ausstattung ist gerade in kleineren und mittelgroßen Einrichtungen der Grad der Spezialisierung wenig ausgeprägt. Viele unterschiedliche Aufgaben werden in Personalunion erbracht, ergänzt durch Ehrenamtliche und Praktikanten/innen. Gefragt sind „Allrounder“, die von der Geschäftsführung über Öffentlichkeitsarbeit, Programmgestaltung bis hin zur Gastronomie Leistungen erbringen und dafür oft keine spezifischen Qualifikationen mitbringen. Es dominiert das „Training on the job“ bzw. „Learning by doing“. Ein damit verbundener hoher Grad an Improvisation gerät zunehmend in ein Spannungsverhältnis zur geforderten Professionalisierung.
3. Erfahrungen mit Kulturstudiengängen: Einrichtungen, die Mitarbeiter/innen aus kulturspezifischen Studiengängen beschäftigen, geben an, dass sie überwiegend positive Erfahrungen machen. Allerdings wurde auch deutlich bemängelt, dass Soziokultur in den meisten Curricula nicht Thema sei und daher Sozialpädagogen/innen meist besser für dieses Arbeitsfeld qualifiziert seien.
4. Kompetenzen und Anforderungen: Im Bereich der formal-fachlichen Kompetenzen werden in erster Linie kaufmännische und Managementkompetenzen erwartet bzw. nachgefragt. Daneben werden im Bereich der Sozialkompetenzen insbesondere Kommunikations- und Teamfähigkeit sowie Offenheit, Neugier und ein „Blick für gesellschaftliche Veränderungen“ erwartet.
5. Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung: Im gesamten Berufsfeld wird ein hoher Weiterbildungsbedarf konstatiert. Gefragt sind insbesondere betriebswirtschaftliche Kenntnisse sowie spezifische Qualifikationen in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Fundraising. Allerdings werden nur wenig Weiterbildungsangebote wahrgenommen. Als Ursache werden im wesentlichen Zeit- und Geldnot angegeben.
In der abschließenden Diskussion wurde betont, dass ein verstärkter und regelmäßiger Dialog zwischen Berufsfeld und Hochschulen notwendig und hilfreich sei. So müssten aus der Sicht der Praxis einerseits curriculare Anpassungen vorgenommen werden, zum anderen seien aber auch die Studienangebote und -inhalte im Berufsfeld zu wenig bekannt. Die Fachkonferenz wurde von den Beteiligten als ein gelungenes Beispiel für diesen Dialog gewürdigt.
Weitere Informationen bei: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft
Dr. Bernd Wagner / Franz Kröger, Weberstraße 59a, 53113 Bonn, www.kupoge.de
Uwe Hanf