04. Berichte

Exkursion nach Krakau - Berichte der Studierenden

Schon bei unserer Ankunft im Hotel kamen wir in Kontakt mit einem Psychiatrieerfahrenen. Das Hotel „U Pana Cogito“ gehört zu einem System integrierter Versorgung in Krakau und wird von Menschen mit psychischen Erkrankungen bewirtschaftet. Die Atmosphäre ist sehr angenehm. Man hat das Gefühl willkommen zu sein und dass das Personal sehr gerne dort arbeitet. Vieles dauert ein wenig länger als in einem gewöhnlichen Hotel, doch wird dies wettgemacht durch die Freundlichkeit der Menschen und ihrer spürbaren Freude an der Tätigkeit.
Helena Dötig


Am nächsten Tag hielt Dr. Cichocki einen Vortrag zum Thema „System der Psychiatrie in Krakau“. Dr. Cichocki ist von Beruf Psychiater und arbeitet in einer Tagesklinik, in der Ambulanz und im Universitätskrankenhaus in Krakau.
Zunächst stellte uns Dr. Cichocki die einzelnen Institutionen und Vereine vor, aus denen das System besteht, wie zum Beispiel das Universitätskrankenhaus, der Patientenverein „Open doors“ und die Krakauer Sozialhilfe. Unter dem Punkt „Integriertes Behandlungssystem für Schizophrenie -Kranke in Krakau“ präsentierte Dr. Cichocki die einzelnen Einrichtungen, die in diesem System verankert sind, wie die Psychotherapeutische Tagesklinik, die Beschäftigungswerkstatt und die Sozialhilfefirmen, denen auch das Hotel „U Pana Cogito“ angehört. In der Psychotherapeutischen Tagesklinik, die Kapazität für 15 Patienten hat, findet jeden Tag Psychotherapie statt im Gegensatz zur Rehabilitations-Tagesstätte, in der nur einmal in der Woche eine Psychotherapie stattfindet, allerdings jeden Tag Beschäftigungstherapie. Die Patienten können bis zu 12 Wochen die Psychotherapeutische Tagesklinik und bis zu 16 Wochen die Rehabilitations-Tagesklinik besuchen. In diesem Programm werden verschiedene Therapieformen angewendet, wie Einzel-, Gruppen- und Familientherapie. Zu den Kostenträgern dieses Behandlungsprogramms gehören die Sozialhilfe, der nationale Gesundheitsfonds und der Fonds für Rehabilitation der Behinderten.
Interessant waren die „therapeutischen Lager“, bei denen Patienten und Professionelle zusammen Skifahren, reiten oder wandern. „Das Behandlungsprogramm beruht auf der Arbeit in kleinen Gruppen und dem Aufbau von Gruppenbeziehungen.“ (Dr. Cichocki)
Im Anschluss sahen wir noch einen Film über das Hotel „U Pana Cogito“, in dem Angestellte/Psychoseerfahrene über ihre Biographie, das Leben mit der Erkrankung und die Bedeutung der Arbeit für sie berichteten.
Der Vortrag von Dr. Cichocki war sehr interessant und informativ. Wir bekamen einen guten Überblick über das vorgestellte Behandlungsprogramm. Es gibt in Krakau mehrere solcher Systeme, dieses ist das umfangreichste. Die einzelnen Einrichtungen und Vereine kooperieren intensiv miteinander.
Es folgte ein Beitrag von Dr. Kaszynski über die Arbeitssituation der psychisch Kranken in Krakau. Dr. Kaszynski ist von Beruf Sozialarbeiter und Soziologe und arbeitet in verschiedenen Einrichtungen des oben vorgestellten Behandlungsprogramms und an der Universität. Er stellte zunächst das Vulnerabilitäts-Stress-Modell von Joseph Zubin vor. Im Folgenden erklärte er uns das Leitbild des Behandlungssystems, das auf Antonii Kepinski beruht. Er stellte uns Statistiken zu Arbeitslosigkeit  und Armut von psychisch Kranken in Krakau und Polen vor. 18 % der psychisch Kranken in Polen haben Arbeit. Dr. Kaszynski berichtete weiter kurz über die Therapiewerkstatt, das Zentrum für berufliche Neueinfügung und die Sozialfirmen.
Marie Johnson


Im Anschluss an die Vorträge führten uns drei psychisch Erkrankte durch die Stadt.  Diese Stadtführung fand auf Englisch statt. Mittlerweile sprechen viele Englisch, gerade die jüngere Generation, so dass eine Verständigung sehr gut möglich war. Die polnischen Menschen sind sehr hilfsbereit. Wenn sie kein Englisch oder Deutsch sprechen, findet eine Kommunikation mit Händen und Füßen statt.
Krakau ist eine sehr alte Stadt, die im 13. Jahrhundert gegründet wurde. In der Hauptstadt der Wojewodschaft Malopolska leben 750.000 Einwohner. Die Stadt besitzt einen historischen Stadtkern, der von der UNESCO 1978 auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt wurde. Da die Stadt ab dem Hochmittelalter kaum zerstört wurde, findet man viele verschiedene Baustile, vor allem aus der Renaissance, aber auch aus der Zeit des Barocks, des Jugendstils und der Neogotik. Die Architektur lädt ein, Stunden damit zu verbringen durch die Stadt zu schlendern, um die Gebäude zu bewundern. Viele dieser Gebäude sind renoviert und lassen die Stadt in neuem Glanz erstrahlen. In den vielen kleinen Gassen kann man unzählige Geschäfte entdecken, die eine Vielfalt an Einkaufs- und Essensmöglichkeiten bieten. Dabei lassen sich einige traditionelle Läden finden, die schon viele Jahre existieren, wie zum Beispiel eine Konfiserie oder die Milchbars, wo viele Einwohner günstig Essen können.
In Krakau gibt es neben der historischen Altstadt noch drei weitere Sehenswürdigkeiten, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Zum einen gibt es die Jagiellonen-Universität, die zu den ältesten Universitäten in Polen zählt, zum anderen gibt es den Wawelhügel mit einer Schlossanlage und einer beeindruckenden Kathedrale. Zu guter Letzt sollte man den ehemaligen jüdischen Stadtteil Kazimierz besucht haben, wo bis zum Zweiten Weltkrieg ca. 64.000 Juden gelebt haben. Als weiteres Highlight gilt die Jazzmusik in Krakau. Touristen und Einheimische können am Abend in eine der vielen Jazzkneipen gehen. Über das ganze Jahr verteilt finden Jazzfestivals statt, bei dem Musiker und Musikinteressierte aus der ganzen Welt in Krakau sind.
Christina Strumpf


Das System integrierter Versorgung ist eines von mehreren Systemen innerhalb Krakaus und hat sein spezifisches Angebot auf Menschen mit Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis ausgerichtet. Es ist das innovative System Krakaus und für sein umfangreiches Angebot und vor allem für die hohe Beteiligung von Psychiatrieerfahrenen bekannt. Die Psychiatrieerfahrenen waren sehr offen und erzählten einiges von ihren eigenen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Psychiatrie und dem komplementären Bereich. Zwischen Professionellen und den Erfahrenen gibt es offenbar keine großen Diskrepanzen und Anschuldigungen. Es scheint viel mehr so zu sein, dass gemeinsam an dem Ziel gearbeitet wird, den psychiatrischen Bereich besser auszubauen, ohne dabei durch Anschuldigungen, Vorwürfe und schwierige Diskussionen gebremst zu werden. Dr. Chechnicki betonte, dass dieses gemeinsame Arbeiten an ein und demselben Ziel sehr wichtig sei und beide Seiten davon profitieren. Das Vertrauen beider Seiten sei dadurch gewachsen, dass gemeinsame Aktionen geplant und durchgeführt wurden, wie z. B. der "Tag seelischer Gesundheit". Wichtig sei es, immer positive Ziele zu formulieren und keine Aktionen GEGEN etwas zu veranstalten. Dies fördere den Gemeinschaftsgeist und führe nicht zu einer Aufspaltung in verschiedene Interessengruppen und zu Anschuldigungen. Des Weiteren bekamen wir einige Filme von den Psychiatrieerfahrenen gezeigt, die einerseits einige Institutionen des Systems integrierter Versorgung vorstellten, andererseits aber auch Themenschwerpunkte wie beispielsweise „Glaube“ setzten. Die Filme entstanden in Kooperation mit einem örtlichen Fernsehsender und wurden dort auch ausgestrahlt. Sie dienen zur Aufklärung der Öffentlichkeit und wurden auch in mehrere Sprachen übersetzt. Gerade das Thema „Glaube“ scheint in Polen sehr wichtig zu sein, zumal ein Großteil der Bevölkerung streng katholisch ist. Viele Menschen haben in ihren psychotischen Phasen religiöse Begegnungen oder Erlebnisse. Eine der Erfahrenen berichtete in einem Film, dass sie oftmals auch Rückhalt durch ihren Glauben bekam und sich in der Kirche sicher fühlte.
Helena Dötig


Am 16.04.2009 besuchten wir das Szpital "J. Babinskiego" in Kobierzym, einem kleinen Ort am Rande von Krakau. Dabei handelt es sich um eine psychiatrische Klinik mit offenen und geschlossenen Bereichen, welche als Vorbild-Institution gilt und in der nicht nur Klienten aus Krakau, sondern aus ganz Polen behandelt werden. Man scheint sehr stolz auf diese psychiatrische Einrichtung zu sein, zumindest vermittelte uns Dr. Krzystof Walczewski – der neue ärztliche Direktor – diesen Eindruck. Die psychiatrische Klinik erstreckt sich über ein sehr weites, naturbelassenes Gebiet. Das Spital wurde äußerlich ähnlich der Psychiatrischen Klinik Baumgartner Höhe in Wien während der Herrschaft der Österreicher über Polen geplant und gebaut und um die Zeit des Ersten Weltkriegs als Lazarett  genutzt.
Begleitet wurden wir von Dr. Krzystof Walczewski, der uns zuerst zu einer allgemeinpsychiatrischen Station führte, ein altes jedoch gut erhaltenes, großes Haus. Wir bekamen Einblicke in einige Zimmer der Klienten, die genau wie die gesamte Station eher anheimelnd anstatt steril klinisch wirkten. Die zweite Station war speziell für Klienten mit Persönlichkeitsstörungen vorgesehen, sie ist die Vorzeigestation der psychiatrischen Klinik, was therapeutische Maßnahmen angeht. Allerdings wirkte das Gebäude auf uns im Gegensatz zur allgemeinen Station doch sehr beängstigend: ein alter heruntergekommener Plattenbau, mit teilweise vergitterten Fenstern. Wir sprachen auf dieser Station noch mit einer jungen Psychiaterin, die uns Fragen zur therapeutischen Arbeit, zum Umgang mit den Klienten und zum Leitbild ihrer Arbeit beantwortete. Auch hier stünde die personenzentrierte Arbeit, die vor allem die Klienten selbst und ihre Bedürfnisse in die therapeutischen Prozesse mit einbeziehe, im Vordergrund. Allerdings werden die Angehörigen kaum einbezogen. Die ehemalige Direktorenvilla wird als „Entwicklungsabteilung“ (strategische Planung und Öffentlichkeitsarbeit) genutzt. Die Philologin Ewa Jezyk sprach mit uns über die derzeitige Lage der psychiatrischen Versorgung in Krakau und Polen sowie über die weitere Entwicklung. Wir gingen dann zum Friedhof und zum Denkmal zum Gedenken an die Patientinnen und Patienten des Spitals, die 1942 während des Nationalsozialismus in Auschwitz ermordet wurden.                                      Kristian Fritsche


Am 18. 04. 2009 besuchten wir das Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau. Ein erster Eindruck, der uns sicherlich allen im Gedächtnis geblieben ist, war die schwer zu ertragende Widersprüchlichkeit zwischen dem sonnigen Wetter und den unvorstellbaren Grausamkeiten, die an diesem Ort stattfanden. Der zynische Slogan „Arbeit macht frei“ über dem Tor zum Gelände jagte uns einen Schauer über den Rücken. Sehr eindrucksvoll wirkten auf uns die „Beweise des Verbrechens“ in der Baracke 5. Auch wenn es nur ein Bruchteil von Habseligkeiten war, die den Ermordeten gehörten, waren wir doch überwältigt von den Massen an Koffern, Schuhen, Haaren, Töpfen und anderen Utensilien. Ebenso ergriffen waren wir u. a. von der Baracke 6, die „Das Leben des Häftlings“ darstellte und beschrieb. Es lässt sich kaum in Worte fassen, was wir empfanden, als wir das Krematorium durchschritten oder den Hof zwischen den Baracken 10 und 11 betraten und die sog. „Todeswand“ vor uns sahen. Jeder von uns hat seine ganz individuellen Eindrücke von diesem Ort mitgenommen und sein Wissen über die Abläufe und Geschehnisse in diesem Konzentrationslager erweitert. Im 3 km entfernten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Konzentrationslager Auschwitz II)  hatte es etwas Unwirkliches, Erschreckendes und Bedrückendes, die Baracken zu betreten oder die Ruinen der Krematorien zu betrachten. Die offensichtlich sehr strukturierte Planung dieser Verbrechen war schwer auszuhalten. Für die nachfolgenden Generationen ist es wichtig, sich mit diesem Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen, sich an die Grausamkeiten zu erinnern und sie als Warnung für die Zukunft zu sehen.                                                                                                                        Alexandra Sellmann


Am Abend des letzten Tages trafen wir Dr. Cechnicki. Er ist von Beruf Psychiater und Leiter des Systems integrierter Versorgung in Krakau. Zu diesem Versorgungssystem gehört beispielsweise die Psychotherapeutische Tagesklinik, das Ambulatorium, die Reha-Tagesklinik sowie unser Hotel „U Pan Cogito“. Das Versorgungssystem entstand hauptsächlich für Menschen, die an schizophrenen Psychosen erkrankt sind. Für Herrn Dr. Cechnicki ist dieses System eine wichtige Alternative zur Psychiatrie. Er erzählte, dass in unserem Hotel nicht nur psychisch erkrankte Menschen, sondern auch Angehörige psychisch kranker Menschen arbeiten. Er beschrieb uns, wie wichtig es für die psychisch Erkrankten ist, eine Tätigkeit zu haben, einer Arbeit nachzugehen und sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Dr. Cechnicki erzählte, wie stolz er auf das Hotel und die Mitarbeiter ist, fügte aber sogleich hinzu, dass es in Krakau so wie in Polen zu wenige solcher  Projekte gibt. Herr Cechnicki berichtete auch vom „Tag der Solidarität“. An diesem Tag, der einmal im Jahr stattfindet, geht es um die Solidarität der Gesellschaft den psychisch Erkrankten gegenüber. Es gibt öffentliche Diskussionen und Vorträge zum Thema, es wird Musik gemacht und Theater gespielt. Dr. Cechnicki erzählte, dass die breite Bevölkerung nur wenig über das Thema psychische Erkrankungen weiß und deshalb noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Ferner erzählte er, dass es eine "Deutsch-Polnische Gesellschaft für seelische Gesundheit" gibt, die regelmäßig Tagungen zum Thema organisiert. Im Oktober dieses Jahres findet die Tagung zum Thema: „Psychisch krank – und nun?“ statt. Bei diesem Treffen wird es um die Bedürfnisse der psychisch Kranken in Polen und Deutschland gehen sowie um die Verantwortung der Gemeinden.                                                               Magda Börner


Die Reise nach Krakau war für uns Studenten eine angenehme Alternative zu unseren bisherigen Lernweggruppentreffen. Unser Aufenthalt war gekennzeichnet durch ein straffes Programm, das überwiegend aus Gesprächen mit Vertretern des psychiatrischen Versorgungssystems, einer Philologin und Psychiatrieerfahrenen bestand. Wir lernten den Aufbau und die gegenwärtige Entwicklung des Gemeindepsychiatrischen Systems in Krakau kennen und begegneten sehr gastfreundlichen Menschen, die Interesse daran hatten, uns von ihren Erfahrungen zu berichten. Wir lernten unterschiedliche Einrichtungen des komplementären Bereichs der psychiatrischen Versorgung kennen. So haben wir an einem Tag das im Jugendstil erbaute Landeskrankenhaus „Babinskiego“ aufgesucht. Es war sehr angenehm, dass wir stets dazu eingeladen waren, kritische Fragen zu stellen. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Fahrt in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau. Beide Standorte lösten in uns Verständnislosigkeit darüber aus, wie Menschen zu solch grausamen Taten im Stande sein können. Uns ging dieser Besuch sehr nahe; vielleicht war es für den einen oder anderen auch anstrengend und schwer auszuhalten, doch trug der Besuch auch dazu bei, dass wir uns mit dem Holocaust auseinander setzten und uns Zeit nahmen, darüber zu sprechen.
Die Unternehmungen und die informativen Vorträge stellten für jeden von uns eine persönliche Bereicherung dar. Auch die Erkundung einer ausländischen Stadt war sehr interessant und machte uns Spaß. Die Krakaureise hat uns überdies die Möglichkeit gegeben, als Gruppe einen besseren Kontakt untereinander aufzubauen und viele Erlebnisse gemeinsam zu planen und zu sammeln. Daher stellte die Reise nach Krakau für jeden von uns eine schöne Zeit dar, die wir jederzeit gern wiederholen würden.
Thies Römer