01. Bildungsstreik
Dasselbe Muster: Niemand ist verantwortlich ...
Bildungsstreik im WS 09/10
Im vergangenen Wintersemester haben Sie sich an der Fortführung des Bildungsstreiks beteiligt. Welche Aktionen gab es bei uns? Wie viele Studierende haben sich beteiligt?
Mathias Sandner: Unser Bildungsstreik war nicht so aktionsreich wie im Sommer, da es sich eigentlich nur um einen Tag mit einer gemeinsamen Demonstration handelte. Das Highlight war die Besetzung des Hörsaals in der Friedrich-Ebert-Straße. Die Besetzung dauerte 14 Tage mit vielen Aktivitäten. Es gab alternative Veranstaltungen; außerdem haben wir reguläre Veranstaltungen umfunktioniert, um über den Streik, unsere Ansprüche an Bildung und unseres konkreten Forderungen zu diskutieren. Das stieß nicht immer auf Zustimmung; auch auf studentischer Seite. Ich erinnere mich an den Satz eines Studenten: „Ich bin ein Fass, das gefüllt werden will.“
Wie hoch war die Beteilung an der Besetzung?
M. S.: An der Besetzung direkt haben sich 20 bis 35 Leute beteiligt. Zu den Veranstaltungen kamen wesentlich mehr, so 70 bis 80, vor allem von diesem Standort. Das hat sicherlich den Grund, dass es am Standort Friedrich-Ebert-Straße in der Lehre und beim Zustand des Gebäudes wesentlich mehr Probleme gibt, als am Campus Pappelallee und wir vielleicht auch nicht alle erreicht haben.
Hat der Bildungsstreik etwas verändert?
M. S.: Das ist eine schwierige Frage. Es hat sich innerhalb der Diskussion etwas verändert. Innerhalb der Presse wurde wieder auf den Bolognaprozess eingegangen. Innerhalb der Hochschule entstanden Diskussionen, aber es ist fast alles verlaufen. Es ist dasselbe Muster zu sehen wie im Sommer. Alle geben sich gegenseitig die Schuld bzw. schieben sie weg – „niemand ist verantwortlich“ - . Die Hochschulen sagen, es ist Ländersache, dass nicht genug Geld vorhanden sei. Die Länder sagen, dass Geld da sei und die Ausgestaltung des Bolognaprozesses den Hochschulen obliegt. Und so wird alles hin- und her geschoben, auch bei ganz einfachen Sachen, die hier vor Ort liegen, wie z. B. bei der Aktion im Senat. Wir hatten eine Menge Anträge gestellt und hofften, mit zahlreicher studentischer Beteiligung, dort etwas bewirken zu können. Auch dort wurde zwar Verständnis gezeigt – es haben sowieso immer alle für uns Verständnis - , aber es war wieder niemand zuständig. Insofern hat der Bildungsstreik wenig bewirkt. Die Taktik, Verständnis zeigen und in Wirklichkeit nichts ändern, war recht erfolgreich.
Was wollten Sie denn bewirken?
M. S.: Allgemein war der Bolognaprozess das wichtigste Problem: Verkürzung der Studienzeit ohne den Stoff zu reduzieren, zu viel Prüfungslast und kein Raum mehr für kritische Lehre; es geht quasi nur mehr um „Bulimiewissen“. Es wird auswendig gelernt, „reingeprügelt“, es wird gelernt und gelernt, aber nicht mehr reflektiert. Es ist keine Zeit mehr dafür da. Die Studenten selbst verlieren die Lust dazu, weil sie großem Stress ausgesetzt sind.
Welche FHP-spezischen Forderungen haben Sie?
M. S.: Wir haben einen Riesen-Forderungskatalog ausgearbeitet – (auf den wir hier der Einfachheit halber verlinken, d. Red.)
sturafb5.fh-potsdam.de/wiki/Bildungskomitee
fhpbrennt.files.wordpress.com/2009/11/forderungskatalog_herbst09_fh-potsdam.pdf
M. S.: Eine unserer wichtigsten Forderungen war, für mich zumindest, die Abschaffung der Anwesenheitslisten; sie behindern das selbstständige Studium und erschweren es vor allem für Studierende mit Kindern und für die, die arbeiten müssen. Es bekommen nur 23 % Bafög, so müssen sehr viele arbeiten. Arbeitszeiten und Kinder richten sich nicht nach Stundenplänen. Ein anderer Punkt ist die Betreuung der ausländischen Studenten, für die zuwenig Personal zur Verfügung steht; die Barrierefreiheit ist eine ständige Herausforderung, über die wir schon mehrfach mit dem Rektor gesprochen haben. Der Standort Friedrich-Ebert-Straße natürlich: immerhin ist noch mindestens eine Studentengeneration davon betroffen, die hier studieren muss - unter Zuständen, die nicht so ideal sind, um es diplomatisch zu formulieren. Das betrifft so kleine Dinge wie defekte Steckdosen oder den Zustand der Toiletten, die man eigentlich gar nicht benutzen kann.
Die Forderungen, die sich auf die Lehre beziehen, sind wieder fachspezifische Fragen. Die Probleme, die wir im FB Informationswissenschaften haben oder die im Sozialwesen sind ganz anders als die im FB Design; das haben wir immer wieder gemerkt. Dort ist ja eine ganz wichtige Forderung, dass die Werkstätten untereinander genutzt werden. Es ist wohl so, dass sich die Fachbereiche in der Pappelallee gegenseitig voneinander abschotten. Das ist ein Problem, das hier gar nicht besteht, weil es miteinander ziemlich gut genutzt wird; soweit ich das überblicken kann. Die Forderung nach besseren Teilzeitstudienmöglichkeiten spielt eine wichtige Rolle. Eine weitere Forderung ist die für bessere Weiterbildungsmöglichkeiten für das Hochschulpersonal zur Verbesserung der Lehre, zum Beispiel in Didaktik. Ein ganz wichtiger Teil der Forderungen innerhalb der Lehre betrifft die Evaluation, weil sie zum einen sehr unregelmäßig stattfindet und zum anderen praktisch keine Konsequenzen hat. Nichts, was wiederholt in verschiedenen Evaluationen kritisiert wurde, wird verändert.
Wissen Sie, warum nichts passiert?
M. S.: Da hat wohl jeder seinen Grund. Entweder die Verantwortlichen meinen, es wäre alles in Ordnung und da, wo etwas nicht in Ordnung ist, können sie nichts dafür, weil sie nicht zuständig sind. Das ist die gleiche Argumentationslinie, die ich vorhin schon kritisierte. Selbst Sachen, die uns schon versprochen wurden, werden nicht umgesetzt, wie z. B. die kurzfristige Übergangslösung für die Abschlusszeugnisse oder die Personalfrage zur Betreuung der ausländischen Studierenden.
Sie sind Mitglied im Bildungskomitee. Was macht dieses Komitee? Wird es noch weiterarbeiten?
M. S.: Das Bildungskomitee wurde im Zuge der Besetzung neu belebt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Forderungen durchzusetzen: konkret auf diese Fachhochschule bezogen, aber auch in Verbindung mit den Bildungsstreikenden der Uni Potsdam und in Berlin. Zur Abschaffung der Anwesenheitslisten haben wir eine AG gegründet, die jetzt mit den Prüfungsausschüssen der einzelnen Studiengänge und den Fachbereichsräten verhandelt.
Sie haben viele, sicher auch berechtigte Forderungen, die sich stark auf formale Aspekte beziehen. Haben Sie sich auch mit inhaltlichen Defiziten in den Curricula befasst?
M. S.: Das war Thema in den alternativen Veranstaltungen, vor allem die Sozialarbeiter des Fachbereichs 1 haben sich damit befasst. Ein Ergebnis zum Beispiel ist ein Anti-Bias-Kurs, den wir jetzt durchführen. Das ist ein Konzept zur Antidiskriminierung. Auf Hochschulebene ist die inhaltliche Auseinandersetzung schwierig, da die fachlichen Fragestellungen unterschiedlich sind. Ein gemeinsamer Aspekt ist das Fehlen der kritischen Lehre, dass das kritische Reflektieren kaum vorhanden ist. In Bezug auf didaktische Forderungen sind wir uns auch einig, wie bei der Reduzierung der monotonen Veranstaltungen mit Frontalunterricht. Die aktive Einbindung der Studierenden ist gering.
Wie geht es jetzt weiter?
M. S.: Im Vordergrund stehen die Durchsetzung unseres Forderungskataloges und unsere alternativen Veranstaltungen. Hierfür und für eine allgemeine Veränderung des Bildungssystems treffen wir uns auch weiterhin jeden dritten Mittwoch im Monat. Jeder, der zwischen Prüfungsstress und monotonen Vorlesungen nicht nur über Verbesserungen sprechen möchte, sondern auch aktiv mitgestalten will, ist gerne willkommen!
Wir bedanken uns für das Gespräch. Das Interview führten Prof. Dr. Dagmar Jank und Patrizia Reicherl mit Mathias Sandner, Student der Informationswissenschaften, Mitglied im Bildungskomitee, ehemaliges StuRa- und AStA-Mitglied.